Katholisches Amtspriestertum für Frauen?

Widerspricht die „Theologie der Kirchenväter“ (Patristik) einer Berufung von Frauen zum katholischen Priesteramt?

Papst Johannes Paul II. 1996 hat in dem Apostolischen Schreiben «Ordinatio sacerdotalis» (das gleichwohl nicht unter papaler Unfehlbarkeit steht!) die Ordination von Frauen als unvereinbar mit der römisch-katholischen Tradition in dem Sinne festgestellt, dass auch der Kirche und dem Papstamt in dieser Frage gar keine Vollmacht zu eigen ist, daran etwas zu ändern. So steht im Codex Iuris Canonici (can. 1024): «Die heilige Weihe empfängt gültig nur ein getaufter Mann.»

Das Fehlen der Tradition für eine Ordination von Frauen zum Dienst des besonderen Priestertums erscheint für die katholische und orthodoxe Lehre als eine bedeutsame geschichtliche Vorgabe. Aber es ist auch das Ergebnis bestimmter historischer und kultureller Faktoren, die keineswegs als vom Evangelium und der biblischen Botschaft bestimmt erscheinen. Wo diese Gegebenheiten nach wie vor prägend sind, wird die Frage nach einer neuen bzw. anderen kirchlichen Praxis nicht auftauchen. Weithin scheint solches in den orthodoxen Kirchen der Fall zu sein, aber auch in der katholischen Kirche gilt in vielen Ländern die überkommene Regelung als selbstverständlich.

Allerdings erstaunlicherweise nicht überall. Für Orthodoxe, denen der weitere Kontakt zu den anglikanischen und altkatholischen Kirchen wichtig ist, wie für viele katholische Laien und Priester in Mitteleuropa und Nordamerika erscheint die Frage dennoch als grundsätzlich klärungsbedürftig. Gibt es also absolut zwingende, d.h. die Kirche auf alle Zeiten verpflichtende, unabänderliche dogmatische Gründe für die Beibehaltung der Tradition des ausschließlich von Männern wahrgenommenen apostolischen Ordo der Bischöfe und Priester?

Ebenso dringlich ist die Frage, ob die Ordination von Frauen die Gemeinschaft und Einheit der Kirche oder die Wiederherstellung von zerbrochener Einheit und Gemeinschaft prinzipiell zerstört bzw. in Frage stellt, oder ob künftig Vereinbarungen über wechselseitige Anerkennung von Sakrament und Amt, d.h. Schritte zu Kirchen- und Sakramentsgemeinschaft, auch unter der Voraussetzung der an diesem Punkt unterschiedlichen Praxis möglich sein können. Das betrifft vor allem die Hoffnungen auf das Aufeinanderzugehen der römisch-katholischen und der evangelischen Kirche (ebenso auch der anglikanischen), das nach der Einigung in der Rechtfertigungslehre nun nach Konvergenz im Kirchen- und Sakramentsverständnis und in der apostolischen Sukzession ruft.

Es liegt auf der Hand, dass die Existenz einer großen Anzahl von Frauen im seelsorgerlichen und gemeindeleitenden Dienst in allen Kirchen nicht einfach außer Acht gelassen werden kann, wenn sich solche Schritte zur Einheit abzeichnen. Im übrigen hat es sich keineswegs bewahrheitet, was nahezu alle Gegner der Frauenordination in den reformatorischen Kirchen argwöhnten, als diese Praxis vor wenigen Jahrzehnten anzulaufen begann: dass nämlich Frauen im Pfarramt sich weniger für Sakramente, Liturgie, Seelsorge einsetzen würden, also noch mehr rationalistisch und kulturprotestantisch vorgehen würden als der Großteil der männlichen Kollegen. Das Gegenteil war der Fall: Die evangelischen Kirchen wären ohne die Frauen im Dienst der Seelsorge und Verkündigung in einem Maße emotional verarmt, dass man mit einem völligen Zusammenbruch hätte rechnen müssen. Vor allem zeigten sich im großen und ganzen die Frauen wesentlich aufgeschlossener als die Mehrzahl der Männer für die“katholischen“ Elemente des kirchlichen Lebens: für Symbole und Zeichen, Bildhaftigkeit und Farbe, Phantasie und Kommunikationsfreude, Liturgie, Sakramentalität und “Mysterium“ (im Sinne der Ostkirche), auch für das Einbeziehen der Kinder in liturgisches Geschehen. Das alles kann nicht unbeachtet bleiben, wobei mir freilich bewusst ist, dass von dort zum katholischen Liturgieverständnis und damit dem Verständnis des gemeinsamen Priestertums, das mit dem besonderen Priestertum in apostolischer Nachfolge verbunden agiert, noch ein Weg ist.

Um solchem Weg ein Stück weit den Boden zu bereiten, führe ich diejenigen Argumentationen ins Gespräch ein, die von orthodoxer Seite, d.h. von einer bewusst patristischen Theologie, in Konsultationen mit altkatholischen Partnern zur Frage der Ordination von Frauen vorgebracht worden sind.

Es handelt sich um zwei Konsultationen in Levadia/Griechenland (25.2.-1.3. 1996) und Konstancin/Polen (10.- 15.12. 1996) unter Leitung von Prof. Urs von Arx (Bern) von altkatholischer Seite und Prof. Dr. Anastasios Kallis (Münster) von orthodoxer Seite, über die ein Dokumentationsband der IKZ (der christkatholischen Kirche der Schweiz) 88/1998 berichtet. Siehe auch Wolfram Reiss: Frauenordination bei den Orthodoxen? Deutsches Pfarrerblatt, Heft 3/1999.

Diese Thesen möchten so verstanden werden, dass sie nicht nur völlig ab von jedem Streben nach krampfhafter Zeitgemäßheit oder gar Anpassung der Kirche an “moderne Zeiten“ absehen, sondern auch und in derselben Deutlichkeit von jeder prinzipiell konservativen Haltung, die sich auf angeblich für das Thema relevante “Schöpfungordnungen“ oder fundamentalistisch vorgebrachte „Bibelstellen“ in der anderen Richtung beruft. Sie erweist sich vielmehr als exemplarisch für ein theologisches Denken, das nicht von den Ursprüngen und Grundvoraussetzungen des christlichen Glaubens abweicht, immer aber von diesem Grundbezug her auch scheinbar nachrangige Fragen sowie behauptetete Selbstverständlichkeiten wie neu auftretende Problemstellungen in jeder Richtung kritisch unterscheidend behandelt.

Vielmehr soll auf der Grundlage der Theologie der Kirchenväter und der dogmatisch-theologischen Überzeugungen der Alten Kirche ein Weg theologischen Denkens aufgezeigt werden, der zu einer Bejahung der Ordination von Frauen in der orthodoxen Kirche hinführt und damit auch katholische wie (zur Ordination von Frauen ablehnend positionierte) evangelische Verantwortliche zu neuem Nachdenken verlocken müsste.

Diese  Argumentation kann und will ich hier nicht in breiter Erörterung ausführen, sondern in thesenartiger Formulierung als theologische Leitgedanken darstellen. Die Übereinstimmung mit frühkirchlicher und patristischer Glaubenslehre und Spiritualität wird jedem Kundigen einleuchtend sein:

Aus der Sicht der Kirchenvätertheologie ist es nicht zulässig, den “Adam“ der Genesis-Überlieferung ausschließlich als männliches Wesen zu verstehen. Das Wort »Adam« (Erdling, Mensch) hat zu allererst inklusive Bedeutung. Es beschreibt den Menschen ohne Berücksichtigung seiner geschlechtlichen Doppelgestalt, als den Erstling der Menschheit (protánthropos), in dem der Ursprung und die Bestimmung der gesamten Menschheit (genárchis) liegt.

So bedeutsam für den Menschen auch immer seine geschlechtliche Gerichtetheit, sein Geschaffensein jeweils “als Mann und als Frau“ (Gen 1,27) ist: Es gibt eine Mensch-Gott-Beziehung von Uranfang her, in der das Geschlechtlich-Sein des Menschen nicht als vorrangiger Umstand zu sehen ist. Die Geschlechtlichkeit ist von der Theologie der Kirchenväter her als ein zur menschlichen Natur nicht zeitlich, aber dem Wesen nach, hinzukommendes, sekundäres Element zu verstehen. Anders gesagt: Die Gottesebenbildlichkeit des Menschen wie sein Gefallensein und seine Erlösungsbedürftigkeit, sein Dasein im Angesicht Gottes, sind nicht von der wahrnehmbaren Geschlechtlichkeit des Menschen abhängig oder bestimmt.

Es ist nicht theologisch vertretbar, dass die Zugehörigkeit Jesu Christi zum männlichen Geschlecht im Blick auf sein Heilswerk, also in soteriologischer Hinsicht, von Bedeutung ist. Seine Gottessohnschaft ist Gotteskindschaft (auch in den biblischen Sprachen wechseln beide Begriffe bzw. ihre Bedeutung), ebenso wie das Vater-Sein Gottes von seinem Mutter-Sein nicht zu trennen ist.

Christus, der Logos, das Wort Gottes, hat in seiner Inkarnation (assumptio carnis: Annahme des Menschenwesen) die ganze Menschheit vollkommen angenommen, d.h. sowohl das Männliche als auch das Weibliche, sonst wäre seine menschliche Natur nicht (entsprechend der Christologie von Chalzedon) vollständig und vollkommen. (Wir dagegen leben je als Mann bzw. als Frau in einer nichtvollkommenen menschlichen Natur.) Wenn die Inkarnation die Annahme des männlichen Menschseins bedeuten würde, so wäre die halbe Menschheit nicht in den Heilsplan Gottes miteinbezogen. Gregor von Nazianz, der “Theologe“ der griechischen Kirche, sagt: “Was nicht angenommen ist, ist auch nicht geheilt.“

Diese christologisch-soteriologischen Einsichten sind auch auf die Frage der “repraesentatio Christi“ (des “Christi vice et loco“ des lutherischen Bekenntnisses) beim eucharistischen Handeln des Priesters (presbyteros) zu beziehen. Dabei widerspricht dieser liturgische Grundgedanke nicht dem gemeinsamen Leib-Christi-Sein des Gottesvolkes, sondern entspricht ihm vielmehr und macht ihn anschaulich. Einerseits vertritt der am Altar dienende Liturg das priesterliche Volk als Ganzes, das aus Männern, Frauen und Kindern besteht. Andererseits ist Christus in der Eucharistie der eigentlich Handelnde, und der Presbyter tritt vor die Gemeinde, indem er dabei Christus darstellt. Da Christus aber die ganze Menschheit angenommen hat, kann die Geschlechtszugehörigkeit des Liturgen kein Wesenselement der Eucharistiefeier sein. Denn wenn es auf das Mann-Sein des Liturgen ankäme und dieser nur das Mann-Sein Jesu Christi widerspiegeln würde, würde er nicht den ganzen Christus repräsentieren, der die ganze Menschheit und damit auch das Weibliche der Menschheit angenommen hat.

Die soteriologische Bedeutung des Christusmysteriums läßt weder eine geschlechtliche, noch eine ausschließlich anthropologische Begrenzung der Christus-Typologie zu. Vielmehr hat die Heilsökonomie eine kosmische Dimension. Der Priester handelt weder vornehmlich als Mann noch ausschließlich als Vertreter der Menschheit, sondern in Vertretung der gesamten Schöpfung Gottes in ihrer “Sehnsucht nach Erlösung“ (Röm 8,22). In der Eucharistiefeier treten wir abbildhaft, in der Wirklichkeit des liturgischen Mysteriums, in den ganzen Kosmos ein und erfahren feiernd die Selbsthingabe Christi als Heilswerk für die Erlösung der ganzen Schöpfung. So geht es nicht nur um den Menschen und insofern dann um Mann und Frau, sondern um alle lebendigen, sichtbaren und unsichtbaren geschaffenen Wesen. Der ganze Kosmos ist präsent und einbezogen.

Die traditionellen Eva-Maria- und Adam-Christus-Typologien dürfen nicht vordergründig rational missverstanden und somit eingeschränkt in Geltung gebracht werden. Beide haben gesamtmenschheitliche, geschlechtsübergreifende Bedeutung. So wie sich die Rede von Christus als dem neuen Adam auf alle Menschen bezieht, gleich ob Mann oder Frau, so gilt die Typusfunktion Marias für alle Gläubigen, seien sie nun männlichen oder weiblichen Geschlechtes. Besonders anschaulich wird das aus der typologischen Entsprechung der Gottesmutter Maria und der Kirche, wie sie auch aus dem Symbol der Gebärenden in der Offenbarung Johannis (12,1ff) hervorgeht: Die Gottesgebärerin (Theotokos) repräsentiert die Kirche aus Männern, Frauen und Kindern, und ebenso sieht sich die Kirche aus Männern, Frauen und Kindern in der Gottesmutter vertreten.

Dass diese theologische Sichtweise die Erkenntnisse der Tiefenpsychologie von “anima“ und “animus“ bestätigen kann, des jeweiligen andersgeschlechtlichen Anteils des psychischen, seelischen Lebens, den zu integrieren Aufgabe des Menschen im Prozess seiner menschlichen Reife ist, das sei nur am Rande erwähnt.

Wir sehen hier tatsächlich eine theologische Argumentation aufgegriffen, die in ihrem Wesen gänzlich auf dem traditionellen altkirchlich-patristischen Verständnis der biblischen Botschaft beruht und der Spiritualität der orthodoxen Christenheit, ihrem Urbild-Abbild-Denken, den Typologien und Symbolrealitäten, entspricht, d.h. also genau auf den dogmatischen Prinzipien, die bisher oft als Belege gegen den Dienst von Frauen im Priesteramt angeführt wurden.

Die Entscheidung einer Ortskirche für den priesterlichen Dienst von Frauen wäre auch kein Grund mehr, eucharistische Gemeinschaft aufzuheben oder ökumenische Zusammenarbeit mit Schwesterkirchen aufzukündigen. Viele ökumenische Schritte wären konkretisierbar, die es heute noch nicht sind; viele Hoffnungen auf Gemeinsamkeit und Einheit der Christen in versöhnter Verschiedenheit erschienen nicht mehr so utopisch wie im Augenblick noch.

Es ist eine „katholische Besinnung“, die ich mitvollzogen habe, die in der ältesten Tradition kirchlicher Theologie wurzelt und Kraft erweisen könnte, in das dritte Jahrtausend hineinzuwirken, das uns nach dem ersten Jahrtausend der Ungeteilten Einen Kirche und dem zweiten Millenium der Schismen und Trennungen, auch des Versagens und tragischen Auseinanderlebens, mit der Kraft des Heiligen Geistes den “dritten Tag“ bringen könnte, an dem die irdische Kirche als Zeichen der Einheit aufersteht und Zeugin für die Herrlichkeit wird, die Gott seiner geschaffenen Welt bereitet hat.

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Über Dr. Erhard Griese

Jahrgang 1936, verheiratet, drei erwachsene Töchter, vier Enkelkinder. Dr. theol. und Pfarrer i. R. der Evangelischen Kirche im Rheinland. Ich möchte hier Beiträge zu den Themen "Theologie" und "Pilgerreisen" anbringen.
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