Eine leichtfüßige Kirche

Was versteht der Mensch, der Christ von heute unter „Kirche“?

Da sind viele verschiedene Antworten möglich:
– die unsichtbare Schar der (wahren) Gläubigen,
– das „Gotteshaus“ für gottesdienstliche Feiern der Gemeinde,
– ein ehrwürdiges Steingebäude in einem bestimmten Baustil, oft mit farbigen Glasfenstern,
– die Kirchenleitung, sei es auf der untersten Ebene oder „ganz oben“,
– eine Versammlung von Menschen, bei einer Synode, einem Gemeindetag oder Kirchentag,
– der Klerus = die Priesterschaft, mit dem Bischof an der Spitze,
– die Mitarbeiterschaft einer Organisation (vielleicht auch noch anderes),

Schaut man sich die keltische Christenheit in ihrer hohen Zeit an (von Patrick bis zur Synode von Whitby, ja darüber hinaus noch in Irland bis zur Synode von Cashel), dann stellt man verblüfft fest, dass nicht eine einzige dieser Definitionen oder Beschreibungen auf die „Kirche“ der Kelten zutrifft. War es überhaupt eine „Kirche“ im heutigen Sinn, ein Verwaltungs- und Zuständigkeits-Apparat mit einer festgelegten Struktur und in allgemein beachteten Formen?

Die Orte der Andacht waren für die keltischen Christen selten aus Stein gefügt (die heutigen Ruinen etwa auf Iona stammen aus der benediktinischen Zeit nach dem 12. Jahrhundert). Meist waren sie aus Holz, Flechtwerk mit Lehm oder Grassoden gebaut. Noch öfter war es offensichtlich üblich, sich im Freien unter einem der großen keltischen Steinkreuze zu versammeln. Die „Zellen“ dienten der Unterkunft der Mönche und dem Aufenthalt bei garstigem Wetter.

Es gab Bischöfe, aber diese waren fast immer Äbten oder Äbtissinnen unterstellt, die so etwas ähnliches wie Kirchenleitung innehatten. Die Bischöfe waren eingesetzt, um Priester zu weihen, persönliche Seelsorge zu üben, zu taufen und andere Sakramente zu vollziehen, aber sie hatten keine Machtbefugnisse. Auch hatten Bischöfe und Priester keine fest umgrenzten Diözesen oder parochialen Bezirke. Die vorherrschende Institution (im soziologischen Sinne) war weder die Kathedrale noch die Kirchengemeinde, sondern das Kloster. Aber gerade auch dieses muss man sich anders als für uns üblich vorstellen.

Ein Kloster entstand, wenn sich ein einzelner Mönch irgendwo in der Landschaft niederließ und eine „Zelle“ errichtete. (Ebenso gingen die iroschottischen Mönche auf dem Kontinent vor.) Wenn sich Menschen zu ihm gesellten, die seine geistliche Begleitung suchten, dann entstand allmählich eine Lebensgemeinschaft inmitten einer bäuerlichen Welt. Die Zelle (oder die Zellen, sobald mehr Mönche dazu kamen, die von einem heiligmäßigen Mann etwas lernen wollten) wuchs zu einem von Pilgern immer wieder aufgesuchten Ort der Einkehr, der zugleich Zentrum einer unaufdringlich missionarischen Anziehungkraft, aber auch Herberge, Spital, Schule, Bücherei und Kunstwerkstatt werden konnte. Klöster waren Stationen der Gastfreundschaft, der Bildungsarbeit, der kulturellen Entwicklung. Am ehesten könnten sie vergleichbar gewesen sein manchen Kommunitäten in der Christenheit von heute, um die sich eine große Bezugsgruppe von Mitarbeitern auf Zeit, Gästen, Nachbarn und im weiten Umkreis lebenden Freunden sammelt.

Es liegt auf der Hand, dass sie sich in Umfang und Struktur sehr voneinander unterschieden (ebenso wie Kommunitäten heute, man vergleiche nur Taizé und Imshausen). einige bestanden aus nur wenigen Zellen an abgeschiedenen Orten, andere wuchsen zu beinahe städtischen Siedlungen mit über tausend Mönchen heran. es gab keine „Klausur“. Die Zäune und Mauern dienten eher dazu, Geflügel und Haustiere drinnen zu halten als Fremde auszusperren. Es gab verheiratete und zölibatär lebende Mitglieder der klösterlichen Gemeinschaft. Gelübde wurden individuell gegenüber einem Seelenführer abgelegt, der einen Ehewilligen auch wieder davon befreien konnte. „Doppelklöster“ aus einer Siedlung mit Zellen für Nonnen und einer für Mönche waren die Regel, die Leitung dieser Klöster durch Frauen häufig, wie Brigid von Kildare, Hilda in Whitby oder Ita in Limerick. (Noch die heilige Brigitta von Vadstena in Schweden ließ 1346 ein solches Doppelkloster errichten.)

Die Klosterregeln waren meist von den Gründungsvätern selbst entworfen (Monte Cassino, die Ursprungszelle des Benediktinerordens, wurde erst 529 gegründet). Das Klosterleben strukturierte sich um das Gebet, das Studium sowie handwerkliche und künstlerische Arbeit. Mönche und Nonnen verbrachten viel Zeit mit der Belehrung und Ausbildung von Schülern und dem Abschreiben von Manuskripten, aber auch mit Zeiten des Rückzugs in die Einsamkeit. Der Wechsel zwischen Gebet und Arbeit in der Gemeinschaft einerseits und dem Leben an öden Orten andererseits war allgemein üblich. Fastenzeiten waren für alle Menschen im Umkreis einer solchen Klostersiedlung üblich. Man unterschied (nach der Geschichte von der Verklärung Jesu auf dem Berg Tabor) die vorösterliche Zeit des „lent of Jesus“, das Fasten des Mose nach Pfingsten und das Elia-Fasten im Winter (Adventszeit).

Aus der Sehnsucht nach Einsamkeit dürfte sich auch das Verlangen nach einem Leben in der Pilgerschaft entwickelt haben. Gerade für Menschen, die in gemeinschaftlich orientierten Lebenszusammenhängen wie Familie, Sippe, Clan, Klostergemeinschaft lebten, war die Pilgerschaft eine Form der Askese und des Verzichts, der um des geistlichen Wachstums willen auf sich genommen wurde. Die keltischen Mönche unterschieden eine „grüne, weiße und rote Martyria“. Der grüne Zeugendienst bestand darin, sich durch Fasten und harte Bußübungen von bösen Begierden zu befreien. Das weiße Martyrium vollzog sich mit dem Abschied von allen liebgewordenen Dingen. Das rote schließlich beschreibt den Pilgerweg in ein fremdes Land und unter feindselig gesonnene Menschen, der zu Verfolgung und auch dem Tod führen konnte.

Letzteres bedeutet, dass die iro-schottischen Mönche, die allein oder in winzigen Gruppen auf das Festland kamen, im Grunde gar keine „Missionare“ im späteren Sinne waren oder sein wollten. Sie wollten vielmehr unter den kargen Lebensumständen in fremden Land, die sie gewählt hatten, ein ganz auf Gott bezogenes Leben führen. Erst ihr unaufdringliches Vorbild und ihre heiligmäßige Askese machte sie in der neuen Umgebung zu „Aposteln“.

Zum Leben der keltischen Mönche gehörte aber auch eine ganz wertvolle und unentbehrliche Lebenshilfe: die „Institution“ des Anam Cara (Plural: „anam cairde“). Die wörtliche Übersetzung mit „Seelenfreund“ trifft nur teilweise und klingt allzu romantisch. Der Anam Cara ist Spiritual und Beichtvater, vor allem aber Weggenosse, Freund und persönlicher Berater.. Für die keltischen Mönche stand ein Anam Chara höher als die Klosterregel. Wahrscheinlich leitet sich seine Rolle ab von der eines Druiden, der Hochkönigen und anderen Häuptlingen als Berater zur Seite stand. In der christlichen Fassung allerdings wurde diese Funktion zu einer, die jeder Laie übernehmen konnte. Einer der berühmtesten Sätze der keltisch-christlichen Welt, der verschiedenen heiligen Männern und Frauen zugeschrieben wird, ist der, ein Mensch ohne Anam Cara sei wie ein Mensch ohne Kopf.

Noch ein Wort zu der „Missionsmethode“ der Kelten (die keine solche war): David Adam drückt es in seinem Buch „The Cry of the Deer“ so aus: „Die keltische Kirche trachtete nicht so sehr danach, Christus zu den Menschen zu bringen, als vielmehr Ihn bei ihnen zu entdecken; nicht Ihn zu besitzen, sondern Ihn als ,Freund und Fremden‘ zu treffen; den Christus freizusetzen, der bereits in allen seinen Gaben da ist.“ (Bradley s. 115)

Pilgerwege dienten den keltischen Christen nicht dazu, heilige Orte in fernen Ländern aufzusuchen und zu verehren (obwohl es in den späteren Jahrhunderten der keltisch-irischen Epoche auch Pilgerreisen nach Rom und Jerusalem gab), sondern als ein ständiges Freiwerden von den Bequemlichkeiten und Ablenkungen einer Zuhauses. Oft wurden sie von einem Anam Cara empfohlen. Peregrinatio galt als „die Suche nach dem Ort der eigenen Wiederauferstehung“. Biblische Vorbilder waren Abraham (Gen 12) und vor allem das Jesus-Wort (aus der Logienquelle der galiläischen Wanderprediger) Mt 8,20/Lk 9,58.

Die Pilger suchten nicht Gegenden, wo „Milch und Honig fließen“, sondern abgelegene, wilde und einsame Regionen gleich jener für sie unerreichbaren Wüste, die die ersten Anachoreten in Ägypten gewählt hatten. An die Stelle der sandigen Wüste trat für sie das felsige Eiland an den Küsten Irland und Schottlands oder die Höhle in den Gebirgsregionen Mitteleuropas.

Natürlich mag es auch sein, dass den Kelten, die in Jahrhunderten aus der asiatischen Steppe bis an den Rand des Atlantiks vorgedrungen waren, das Unterwegssein im Blut lag. Ein Beispiel für diese Abenteuerlust ist die Navigatio St. Brendani, die legendäre Seefahrt des Bischof Brendan über den Atlantik, die ihn bis an die Küste Nordamerikas gebracht haben soll.

Die Rastlosigkeit solchen Pilgern mag auch damit zusammenhängen, dass es eine Suche nach Verwandlung und Neuwerden der eigenen Person abbildet. Auferstehung oder Wiedergeburt (im Sinne von Mt 19,28 oder Tit 3,5) sind christliche Chiffren dafür.

„Der Weg ist das Ziel“ könnte auch über den Pilgerwegen der keltischen Christen stehen. Andererseits aber sind sie bewegt von dem Ziel, das nicht in diesem Leben, sondern im Anfang eines neuen Lebens besteht.

Was lässt sich aus der Weise des keltischen Christseins an Impulsen gewinnen für die Kirche heute?
Ist die leichtfüßige „pilgernde Kirche“ die Alternative zu allzu ausgeprägter Sesshaftigkeit und bürokratischer Stabilität und Schwerfälligkeit heute?

Auf jeden Fall wäre eine Kirche wünschenswert, die mit wesentlich leichterem Gepäck unterwegs ist als die „Amtskirche“ unserer Epoche und Zivilisation. Eine der wichtigsten Erfahrungen, die man machen kann, wenn mal als Pilger unterwegs ist, ist das Erstaunen darüber, mit wie wenig Gepäck man zurechtkommen kann. Auf dem Fußweg nach Santiago trifft man oft Mitwandernde, die einem erzählen, dass sie schon manches entsorgt oder nach Hause zurückgeschickt haben, das sie fälschlich für unentbehrlich auf dem Weg hielten. Weniger Bürokratie und Administration können frei machen für mehr geistliches Leben, aber auch mehr Zeit füreinander und sind ein sinnvolles Anti-Burnout-Training.

Dazu gehört ein neues Bewusstsein für die Rolle des „Laien“. Alle Konfessionen leiden an dem Syndrom, dass es die hauptamtlichen, professionellen Macher und Entscheidungsträger gibt, hinter denen die „normalen Menschen“ zurückstehen.

Aber es geht auch um eine Neustrukturierung des Parochialkirchensystems. Es geht ja auf die Berater Karls des Großen zurück, Pfarrbezirke nach dem Vorbild der staatlichen Struktur für die Steuereintreibung zu errichten. Wenn alles Land in umgrenzte Territorien aufgeteilt wird, dann kann keiner der Aufsicht entkommen. Ein bayerischer Theologe. der für die provinzsächsische evangelische Kirche in den Jahren nach der Wende beratend tätig war (Georg Kugler), hatte dort die Anregung eingebracht, in diesem Flächenstaat auf feste Parochien zu verzichten und stärker den Aufbau geistlicher Zentren zu suchen, die eine Sogwirkung auf die Menschen in der Umgebung ausüben könnten. Die Situation heute ist kaum so grundverschieden von der der iroschottischen Mission in Gebieten, die nur oberflächlich christianisiert waren und deren Glaubensleben von den Pikten bis zu den gallorömischen Siedlungsgebieten rund um die Alpen nach ersten christlichen Impulsen wieder zurückgefallen waren in halbheidnische religiöse Praktiken.

Was kann eher helfen: die Strategie eines bonifazianischen (päpstlichen) Zentralismus mit fest strukturierten Autoritäten und einem durchgefeilten Edukationssystem – oder die keltische Vorgehensweise des sanften Zusammenlebens von engagierten Gläubigen mit abseits stehenden Zeitgenossen und Nachbarn?

Wer zu dem „keltischen Modell“ neigt, sollte nicht übersehen, dass es einen unerhört großen ethischen Anspruch enthält. Der einzelne Christ, der, wie Karl Rahner sagte, in der Zukunft ein Mystiker sein müsse oder nicht mehr existieren würde, ist bei seiner Mitverantwortung gepackt. Er muss sprachfähig werden, bereit zur Rechenschaft für den Glauben, aber zurückhaltend bis zur Entäußerung in einer Gesellschaft, die „Mission“ zu den verhasstesten Unwörter gestempelt hat und deren abschreckende Beispiele aus dem Bereich der Religion der Islam, die Zeugen Jehovas, die „bibeltreuen“ Fundamentalisten und Scientology geworden sind (unter denen oftmals nicht mehr unterschieden wird). „Kirchliche Erwachsenenbildung“ und „Erwachsenenkatechese“ werden mit ernsthaftem Aufwand zu betreiben sein und stärker als bisher neben „Kindergottesdienst“ und „Altenheimseelsorge“ treten müssen.

Aber auch eine theologische Neubesinnung ist vonnöten. Während engagierte Christen aller Konfessionen längst zu neuen Ufern aufgebrochen sind, nähren forsche Konservative unter dem niederen wie hohen Klerus weiterhin die Vorurteile der kirchenkritischen Zeitgenossen ebenso wie die der so gern in veraltete Bilder von Frömmigkeit zurück kriechenden Gegner des Glaubens.

Die Besinnung auf Impulse und Werte des keltischen Christentums könnte aber die dringend notwendige Vorarbeit für solche kirchliche Erneuerung leisten. Nicht dass so etwas wie romantische Nostalgie angesagt wäre oder eine eifrige Frontbegradigung Besserung garantieren könnte! – aber die Werkzeuge liegen eigentlich bereit. Wir brauchen nur Menschen, die sie in die Hände nehmen.

Konkret werden die vor uns stehenden theologischen Aufgaben, wenn wir sie auf den Dialog mit dem neuen Atheismus und der Rechenschaft vor dem Forum einer religiös gleichgültigen Gesellschaft beziehen. Dazu im folgenden das letzte Kapitel.

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Über Dr. Erhard Griese

Jahrgang 1936, verheiratet, drei erwachsene Töchter, vier Enkelkinder. Dr. theol. und Pfarrer i. R. der Evangelischen Kirche im Rheinland. Ich möchte hier Beiträge zu den Themen "Theologie" und "Pilgerreisen" anbringen.
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