PATMOS 2002

Patmos, Uwe Appolds Bilder und das Buch am Ende der Bibel
Erfahrungen mit Offenbarungen

In der Fastenzeit gibt es in der Chora, dem Städtchen rund um die hochgelegene Klosterfestung, kein Fleisch zu kaufen. In der Hafenbucht liegen Fischerboote mit Namen wie “Theologia” oder “Apokalypsis” (Offenbarung). Am Gründonnerstag feiern über zwanzig Priester, Diakone und Mönche mit dem Abt-Erzbischof eine öffentliche Zeremonie mit der biblischen Fußwaschung (Joh 11), wie es sie sonst nur noch in Rom und in Jerusalem gibt.

Das ist die Insel, “die ihresgleichen nicht hat”: die nördlichste des Dodekanes, von Pilgern und Mönchen “der andere Sinai”, das “Jerusalem der Ägäis” oder das “zweite Jerusalem” genannt, die Insel der Offenbarung, auf das letzte Buch der Bibel geschrieben wurde.

Patmos hat 2700 Einwohner und über 500 Kapellen und Kirchen. Eine davon krönt den Berg, der von der Anfahrt auf dem Meer her weithin zu sehen ist: das Johannes-Kloster, im 11. Jahrhundert von den Mönchen des seligen und verehrten Christodoulos gebaut, der auf den Ikonen wie zeitgleich neben Johannes dem Theologen steht. Eine andere Kirche baut sich auf halbem Hang vom Hafen her über der Höhle der Offenbarung auf. Alle blicken mit der Apsis zum Sonnenaufgang, auch wenn sie am Westhang zum Sonnenuntergang hin liegen wie das Kathisma der Verklärung (Metamorphosis). Beeindruckend schon von außen für den, der um den gewaltigen Bau herumwandert, das Nonnenkloster “Evangelismos” (Mariä Verkündigung) über einer Schlucht nahe dem Westufer.

Von den noch winterlichen, stürmischen, regnerischen nebligen März/April-Wochen über den wunderbaren grünen, duftenden Frühling in der österlichen Pentekoste bis zum glühendheißen Juli/August mit den Touristenscharen, die sich rasch an die Strände verlaufen, war ich über ein Drittel dieses Jahres (2002) auf Patmos.

In ihrem Reisetagebuch (“Unaufhörlich sucht der Mensch das Glück”) schreibt Tatjana Goritschewa:
“Patmos ist jetzt (im Frühling) mit frischem, grünen Gras bewachsen und mit Blumen übersät. …Ein betäubender Duft. Mohnblumen stechen in die Augen. Und dennoch erscheint mir Patmos, wie früher auch schon, streng. Es weht ein südlicher, kräftiger Wind – alles Unbedeutende ist verschwunden, hat sich verborgen, ist fortgeflogen. Hier auf der Insel gibt es keinen Zufall, auch keine Nichtigkeiten – alles ist ernsthaft. …
Insel der Offenbarung. Und der Offenheit. Alle Farben sind hier von solcher Reinheit, dass sie zu glühen scheinen. Das sind keine Schatten an den weißen Mauerwänden – das sind dünne bläuliche Feuerzungen – oder rosafarbene beim Sonnenuntergang. …
Gott der Herr formt diese Felsen jeden Tag neu, verleiht ihnen reine, kräftige Farben. Tiefblau ist der Himmel, tiefblau das Meer, gelb schimmern die Berghänge. Und weiß, rein und leuchtend, sind die Kirchen, wie die weißen Gewänder der Apokalypse.”

Uwe Appolds Bilder gehören hierher. Der Flensburger Künstler – uns Rheinländern durch seine Bilder zum Elia-Projekt (das die Gottesdienststelle vor wenigen Jahren durchgeführt hatte) schon bekannt – hat 39 großformatige, farbstarke Bilder zum Offenbarungsbuch geschaffen. Davon 16 kamen mit nach Patmos und wurden in der “Alten Schule”, einer Halle aus dem 17. Jahrhundert, von Ende März bis Anfang August 2002 ausgestellt. “Die Apokalypse kehrt zurück” hieß dieses Projekt, das ohne die Hilfe des Klosters und des Bürgermeisters von Patmos wie einer deutschen Inselbewohnerin nicht zustande gekommen wäre.

So erlebte ich Begegnungen mit der Insel, mit Uwe Appolds Bildern, mit Besuchern unserer Ausstellung – und neu mit dem letzten Buch der Bibel. Es ist eigenartig, wie die unterschiedlichen “Melodien” ineinanderklingen, manchmal harmonisch, manchmal spannungsvoll oder gar konträr: der Kreislauf der Natur, der Bogen des orthodoxen Kirchenjahres, die Präsenz der farbgewaltigen und symbolstarken Bilder, die Begegnung mit ganz verschiedenen Besuchern aus fast allen Teilen der Welt – und die eigene Reflexion über das Offenbarungsbuch.

In diesem Jahr 2002 liegt Ostern im julianischen Kalender der Ostkirche fünf Wochen später als in unserem “neuen Kalender”: damit auch die Fastenzeit – bis zum Lazarussamstag. Palmsonntag und die “Heilige und Hohe Woche”, Gründonnerstag mit der öffentlichen Fußwaschungszeremonie, Tausende griechische Besucher vom Festland zur Osternacht.

Neu für mich und darum beeindruckend: das Fußwaschungsritual auf dem einzigen größeren Platz der Chora, unterhalb des Klosters. Zwölf Priester und Mönche, die die Jünger darstellen, werden je zu zweit von vier Diakonen abgeholt und begleitet, so dass dieser Anfang (mit Ektenien und Gesängen des Chors) schon eine Weile dauert. Der Abt-Erzbischof ist Christus. Drei Szenen werden vollzogen: zuerst Fragen aller zwölf Jünger an Jesus, die er im Wesentlichen mit Worten aus den johanneischen Abschiedsreden beantwortet; dann die Fußwaschung selbst- mit Lesung, Ektenien und den Dialogen mit Petrus – und die Gethsemane-Szene nach Matthäus 26.

Am Karfreitag treffen sich spät nachts auf der Platia Lesvia die Prozessionen aus drei Richtungen, dem Kloster und den beiden Gemeindekirchen, jede mit dem “Grabtuch Christi”. Am folgenden Vorabend der Osternacht gibt es in der Taverne an diesem Platz schon die “Majiritsa”, die leicht säuerliche österliche Gemüsesuppe mit den Innereien der Osterlämmer. Sie schmeckt so hervorragend, dass ich gleich noch eine esse. Für die lange Osternacht tut auch leibliche Stärkung gut.

Im Innenhof des Klosters und an den Galerien hinauf zu den Dächern stauen sich die Menschen zur nächtlichen Anastasis (Auferstehungsfeier). Gegen Mitternacht, ehe das Osterlicht entflammt wird, schlagen sechs Mönche das Simandron vor dem Narthex mit je zwei Holzhämmern: dreimal je eine Rhythmuskomposition mit einem metallenen Klang darunter – “Christus zerschlägt die Pforten des Hades”. Nach dem “CHRISTOS ANESTI” verliest der Abt das Auferstehungsevangelium und die Osterbotschaft des Patriarchen Bartholomäus. Dazu kommen die Kanonenschläge fern und nah. Jeder hat mindestens eine Kerze, die nun brennt (aber vom Wind ausgeblasen wird, sobald man sie zu hoch hält). Es gibt große und kleine Kerzen, auch Lampions für die vielen Kinder (sogar solche mit Mickey Mouse), und jedes Jahr wiederholt sich das österliche Wunder, dass niemandes Haare versengt werden oder die Ärmel Feuer fangen. Die Leute haben Übung.

Mit der Osterzeit beginnt der Besucherstrom aus allen Teilen der Welt. Bis nach Pfingsten sind es die an der Besonderheit von Patmos Interessierten, die schon seit Jahren kommen oder zum ersten Mal die berühmte Insel betreten. Wer in der Ausstellungshalle nicht sofort umkehrt (“moderne Bilder – das wollte ich hier nicht angucken”), sondern eine Minute bleibt (oder sich Erläuterndes sagen lässt), zeigt sich oft überwältigt und kommt manchmal noch einige Male wieder. Es sind die Farben, die beeindrucken, aber auch die Unterschiedlichkeit in der Komposition der Bilder, die Nähe oder der scheinbare Abstand zum Text des Apokalypsebuches. Besonders berühren die Bilder mit den Zornesschalen: majestätische, in den Sphären schwebende, leuchtende Objekte über einer stillgewordenen Erde, die einem die Interpretation aufdrängen, dass Gottes “Zorn” etwas ganz anderes ist als menschliche Emotionen. Dann die beiden letzten Bilder: das riesige, blau und rot flammende Weltgericht mit dem sich herabsenkenden und uns entgegentretenden himmlischen Jerusalem, dessen neue Ordnung im Symbol einer schmalen, hohen Wand goldstrahlender Quadrate aufragt, und das letzte Bild mit den grün-goldenen Feldern der neuen Schöpfung und dem Strom lebendigen Wassers, an dem die Bäume stehen, deren Blätter “zur Heilung der Völker” dienen – Aufatmen bei vielen Betrachtern und im Gästebuch der Satz: “Danke, dass Sie auch das letzte Bild gemalt haben.”

Oft werden Fragen nach der Person des Künstlers laut: Was für ein Mensch ist das, der sich so intensiv mit diesem unheimlichen Buch auseinandersetzen kann?

Einige Betrachter widmen sich nur dem rein Künstlerischen. Manche gehen den Weg von den Bildern zum Verkündigungsgehalt des letzten Buches der Bibel mit und lassen sich so neue Einsichten erschließen. Andere suchen von ihrem Vorwissen her Vertrautes zu entdecken – aber das geht nicht so leicht. Uwe Appolds Bilder sind keine Illustrationen, sondern eigengeprägte Nach-Schöpfungen der prophetischen Worte auf der Suche nach ihrer bleibenden Botschaft. Dabei lässt sich kaum ein Bild herauslösen aus der langen Reihe, ohne missverstanden zu werden. Uwe Appold hat mit sicherem geistlichen Spürsinn früh gemerkt, dass nur das ganze Offenbarungs-Buch die Botschaft des Evangeliums in einer neuen, heute fremdartig wirkenden Gestalt enthält.

An meinem bayerischen Kurpredigerort, wo ich zwei Jahre zuvor zum ersten Mal von dem Angebot hörte, als Betreuer der Appold-Bilder mehrere Monate auf Patmos zu verweilen, gab es eine evangelische Johannes-Kirche, die (so der Ortspfarrer) ausdrücklich und ausschließlich nach dem Johannes der Apokalypse genannt sei, der nichts mit dem des Evangeliums (und der wiederum nichts mit dem Jünger Jesu) zu tun habe.

Wer auf Patmos lebt, beginnt die Überlieferung ernst zu nehmen. Von der altkirchlichen Tradition und selbstverständlich von allen orthodoxen Christen wird “Johannes der Theologe” gleichgesetzt mit dem Verfasser des vierten Evangeliums (und der drei “Johannes-Briefe”), und der wiederum mit dem Apostel Johannes, Bruder des Jakobus (der von Santiago de Compostela), Sohn des Zebedäus, einem aus den zwei Brüderpaaren, die die erstberufenen Jünger Jesu wurden (Mk 1,16-20), Fischer vom See Genezareth, galiläische Juden – er, Johannes, nach der Überlieferung der Jüngste der Zwölf, in dem nach ihm benannten vierten Evangelium “der Jünger, den Jesus lieb hatte”, den der Gekreuzigte seiner Mutter anbefiehlt (“Siehe, das ist dein Sohn”) und dem er Maria anvertraut (“Siehe, das ist deine Mutter”, Joh 19,26f), die Johannes zu sich nimmt und mit der er dann (nach der Überlieferung) nach Ephesus kommt, wo beide in hohem Alter aus diesem Leben hingehen zu ihrem Gott und Heiland.

Nach den Procharus-Akten baten die Leute von Patmos Johannes, als sie hörten, dass er sie wieder verlassen würde, ihnen zuerst noch aufzuschreiben, was er sie über Christus gelehrt hatte. Johannes und Procharus (sein Schüler und Schreiber) zogen sich auf einen Hügel außerhalb der Stadt zurück, und nach langem Fasten und Beten diktierte Johannes seinem Begleiter das Evangelium, das nun seinen Namen trägt. Es gibt zwei “spiegelverkehrte” Typen der Ikonen von Johannes und Procharus. Beide Male blickt Johannes vom Pult seines Schreibers abgewandt zum Himmel. Die eine stellt das Empfangen und Diktieren der Offenbarung dar, die andere die Abfassung des vierten Evangeliums. Beide gehören zusammen, so wie ihre ersten Worte je links und rechts vom Eingang zur Apokalypse-Höhle geschrieben stehen.

Ist das völlig ausgeschlossen und unmöglich? Nein. Ist es beweisbar? Auch nein. Wir können nicht nachweisen, dass beide Bücher vom selben Verfasser stammen. Aber ich weiß jetzt dass uns Wesentliches zum Verstehen beider Bücher entgeht, wenn wir nicht beide so zueinander stellen, dass jeweils eins das andere interpretieren hilft, wie wenn wir beide ein und demselben Verfasser zuschreiben. Wer das Apokalypsebuch liest, ohne die “präsentische Eschatologie” des Johannes-Evangliums einzubeziehen, ist in der Gefahr, Irrwege zu gehen, und ebenso wer dabei nicht das Paradigma der liturgischen Vergegenwärtigung der Heilsgeschichte – einschließlich der Vollendung der Welt – in der orthodoxen Eucharistiefeier beachtet.

Advertisements

Über Dr. Erhard Griese

Jahrgang 1936, verheiratet, drei erwachsene Töchter, vier Enkelkinder. Dr. theol. und Pfarrer i. R. der Evangelischen Kirche im Rheinland. Ich möchte hier Beiträge zu den Themen "Theologie" und "Pilgerreisen" anbringen.
Dieser Beitrag wurde unter Stationen und Pilgerwege veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s