Wie? Ist Christus etwa zerteilt?

Pfarrer Dr. Erhard Griese, Düsseldorf
Predigt zur Gebetswoche für die Einheit der Christen im Münster St. Quirinus Neuss am 22. Januar 1994

Paulus, berufen zum Apostel Jesu Christi durch den Willen Gottes,
mit Sosthenes, unserem Bruder,
an die Gemeinde Gottes in Korinth,
die Geheiligten in Christus Jesus, die berufenen Heiligen,
samt allen, die den Namen unseres Herrn Jesus Christus anrufen
an jedem Ort, bei ihnen und bei uns:
„Gnade sei mit euch und Friede
von Gott unserem Vater
und dem Herrn Jesus Christus!“

Ich danke Gott allezeit euretwegen
für die Gnade Gottes, die euch gegeben ist in Christus Jesus:
dass ihr durch ihn in jeder Hinsicht reich gemacht seid:
in aller Lehre und in aller Erkenntnis.
Denn die Predigt von Christus ist in euch kräftig geworden,
so dass ihr keinen Mangel habt an irgendeiner Gabe
und wartet nur auf die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus.
Der wird euch auch fest erhalten bis ans Ziel,
dass ihr untadelig seid am Tag unseres Herrn Jesus Christus.
Denn Gott ist treu,
durch den ihr berufen seid
zur Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn.

Ich ermahne euch aber, liebe Geschwister,
im Namen unseres Herrn Jesus Christus,
dass ihr alle mit einer Stimme redet
und lasst keine Spaltungen unter euch sein,
sondern haltet aneinander fest
in einem Sinn und in einer Meinung.

Denn mir ist bekannt geworden über euch,
liebe Geschwister,
durch die Leute der Chloe:
da sind Streitigkeiten unter euch.
Ich meine damit, dass der eine sagt:
„Ich gehöre zu Paulus“,
der andere: „ich zu Apollos“,
der dritte: „ich zu Kephas“
und der vierte: „ich zu Christus“.

Wie?
Ist Christus etwa zerteilt?
(1.Kor 1,1-13a)

Liebe Gemeinde, liebe Brüder und Schwestern aus den Kirchen und Gemeinden dieser Stadt!
„Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, und alle Engel mit ihm, und er sitzen wird auf dem Thron seiner Herrlichkeit, und alle Völker werden vor ihm versammelt und er wird sie scheiden, wie ein Hirte die Schafe von den Böcken scheidet …“ (Mt 25,31f) – wird dann noch einmal und zum letzten Mal die Frage des Apostels Paulus an die Korinther in unseren Ohren klingen: „Wie? Ist Christus etwa zerteilt?“

Dabei waren die Korinther doch eine einzige Gemeinde in dieser Stadt, nicht aufgeteilt in Konfessionen, nicht einmal in Parochien, Pfarreien. Eine Gemeinde, die „Gemeinde Gottes in Korinth, die Geheiligten in Christus Jesus, die berufenen Heiligen“ dieser griechischen Hafen- und Handelsstadt, einer der Großstädte der antiken Welt. In einer einzigen gottesdienstlichen Zusammenkunft ist sie mit einem Brief des Apostels erreichbar und ansprechbar – der vorgelesen wurde, nicht fotokopiert und verschickt! –  , so dass alle hören, was Paulus zu sagen hat. Davon können Bischöfe und Pfarrer bei uns heute nur träumen.
Der Apostel grüßt sie bewusst mit einem doppelten Gruß: „Gnade und Frieden“ – charis und schalom. Charis, das ist der griechische Gruß, den sich die Schiffer auf dem Ägäischen Meer zurufen. Charis – da stecken unsere Worte „Charme“ und „Charisma“ drin. Das Grundwort chara bedeutet „Freude!“

Und Friede – das ist das hebräische Wort Schalom – der Friede, der mehr ist als Waffenstillstand und Schweigen, der Leben bedeutet und Glück, das ich mit dem anderen teile.

Der Charme und die Freude Gottes, und der Schalom, der Israel verheißen ist, von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, dem Herrn, sei mit euch!

Da ist etwas, was Paulus und die Korinther verbindet. Und darum heißt das erste Wort des Apostelbriefes:  Eucharistó – „ich bringe Dank dar“. Wir erkennen unser Wort Eucharistie. Das ist das erste: Dank sagen, Gott danken, allezeit.

Also sind die Korinther doch nicht verloren in ihren Spaltungen und Trennungen? Keineswegs!
Eucharistó- ich sage Dank allezeit! Das wird nicht aufgehoben oder geschmälert dadurch, dass der Apostel nach dem Eucharistó sein  Parakaló sagt: Ich ermahne euch. Das heißt: Ich bin euer Anwalt, der euch vorbereitet für den großen Auftritt vor Gottes Gericht. Ich stehe euch zur Seite. Ich will, dass es besser mit euch wird. Parakaló – das ist dasselbe Wort die das biblische Wort für den Heiligen Geist, der der Tröster, Anwalt, Beistand der Seinen wird.

Ermahnen – das ist etwas lebensnotwendiges für die Gemeinde. Wir sind damit heute sehr vorsichtig geworden. Ein jüdischer Rabbi würde sagen: Wenn ich meine Leute nicht ermahne, werde ich an ihnen schuldig! Wer einen Menschen rettet, der rettet eine ganze Welt, sagt die jüdische Weisheit.  „Ermahnt euch untereinander, hört nicht auf mit Ermahnen!“ schreibt Paulus immer wieder.

Ermahnen ist eine geschwisterliche Tat, die dem Ermahnten zum Leben hilft. Wer sich taufen lässt und wer zur Gemeinde gehören will, ist damit bereit, sich von seinen Geschwistern auf seinen Glauben hin ansprechen und ermahnen zu lassen.

Also da sind Streitigkeiten und Spaltungen. Man gebraucht auch feste Begriffe für die Richtung, zu der sich einer zählt: „Ich bin paulisch (des Paulus), ich bin apollisch, ich bin kephisch“, wie es im alten Luthertext heißt. Und da fehlen auch die nicht, die sich stolz scheinbar nicht an den Parteiungen beteiligen, sondern sagen: Ich bin einfach nur Christ. „Ich bin da ganz ökumenisch“, oder „Wir sind eine überkonfessionelle Gemeinschaft“, sagt man heute gern, – und doch ist es nichts anderes als auch eine bestimmte Ausprägung neben den anderen. (Auch wenn es nach Ansicht vieler Exegeten die später in den Text gerutschte Anmerkung eines bekenntnisfreudigen Lesers ist, die er neben dem Text notierte, ist es dieselbe Sache: „Ich bin aber ganz anders als die, die römisch oder lutherisch oder calvinistisch oder Mennoniten heißen; ich stehe als schlichter Christ über den Konfessionen.“)

Aber in Korinth gibt es immer noch den gemeinsamen Tisch des Abendmahls. Auch wenn Paulus Missbräuche kritisieren muss, gilt: „Ein Brot ist es, so sind wir viele ein Leib, weil wir alle an einem Brot teilhaben.“ (10,17)

Trotz dieser Streitigkeiten und Spaltungen steht fest: „Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“ (3,11)

„Ein Gott und Vater, von dem alle Dinge sind und wir in ihm; und einen Herrn Jesus Christus, durch den alle Dinge sind und wir durch ihn.“ (8,6)

In Korinth gibt es ja immer noch einen gemeinsamen Gottesdienst. Die Menschen all dieser verschiedenen Strömungen suchen jeden Sonntag gemeinsam die Nähe Gottes. Da müssten sich ihre besonderen Gaben zeigen können, indem sie einander den Glauben stärken.

„Es sind verschiedene Gaben, aber es ist ein Geist. Und es sind verschiedene Ämter, aber es ist ein Herr. Und es sind verschiedene Kräfte, aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen.“ (12,5f) „Wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft und mit einem Geist getränkt.“ (12,13)

Könnten nicht die, die sich auf Paulus berufen, wirklich angesteckt sein von dem Eifer und der Leidenschaft des Heidenapostels und sich vertiefen in seine oft schwierige, aber immer messerscharf denkende und hochinteressante Theologie? Und das dann für die anderen fruchtbar machen, anbieten zum wechselseitigen Austausch? So wie Paulus es selbst gegenüber den Römern sagt: Gern möchte ich zu euch kommen, damit wir uns mit unseren Glaubenserfahrungen und Einsichten wechselseitig beschenken, stärken und trösten.

Und die sich auf Kephas berufen, auf den Petrus? Nein, das sind nicht die Katholiken von heute – auf die kommen wir noch. Das müssen die Menschen sein, denen es ganz ernst ist mit der Verbindung zum jüdischen Leben, nicht nur in Gedanken, sondern in einer wirklichen Verankerung des Glaubens in der jüdischen Wurzel bis hin zur Feier der großen jüdischen Feste, zum Sakrament der Beschneidung. Es sind wohl doch die Vertreter eines Judenchristentums, eines messianischen Judentums, das später beiseite geschoben wurde in der Christenheit. Mit seinem Erlöschen ist die Christenheit nicht nur geistlich ärmer geworden, sondern auf entsetzliche Abwege geraten.

Und dann ist da noch Apollos, der begeisternde Redner, auf den Paulus in Ephesus stieß und den die wissbegierigen Korinther zu sich eingeladen haben, ein von Johannes dem Täufer getaufter hochgelehrter jüdischer Philosoph aus Alexandrien, ein hochgebildeter Lehrer, mehr nach Art der antiken, hellenistischen Magister als ein Rabbi wie Paulus (Apg 18,24ff). Apollos konnte durch seine Begabung als Lehrer vielen in Korinth helfen, deren Glauben noch jung war. Das ist doch ein Schatz, der nicht zum Verstecken, sondern zum Einsatz bestimmt ist wie die Talente, von denen Jesus im Gleichnis redet.

Und wäre das nicht ein Impuls für uns getrennte Christen, getrennte Kirchen von heute, wahrzunehmen, dass auch die verschiedenen Kirchen, die Konfessionen, die Ausprägungen christlicher Spiritualität je ihre Gabe zum wechselseitigen Beschenken empfangen haben? Und dass aus ihrer Begegnung und dem Miteinanderteilen ihrer Gaben eine neue, lebendige Gemeinsamkeit der Christen erwachsen kann?

Wie könnte das aussehen?

Da ist zuerst die große katholische Kirche und der Reichtum ihrer Spiritualität.

Da habe ich ein Bild vor mir: Eine Feier der Heiligen Eucharistie als „Bergmesse“ unter freiem Himmel irgendwo in den Alpen, wenig unterhalb des Gipfelkreuzes, im Hintergrund das gleißende Licht der Sonne auf dem Gletscherfirn, dasselbe Licht auf dem strahlenden Weiß der Altardecken und dem leuchtenden Gold des Kelches – und die Farben der priesterlichen Gewänder und das Weiß und Rot der Ministranten, die sich abheben von dem Grün und Grau der Felsen und Bergkiefern; aber dann vor uns, in der Perspektive höher ragend als die fernen Gletscherberge, die Darstellung des qualvoll Gekreuzigten an dem verwitterten Stamm.

Ich erzähle das hierzulande mit Vorsicht. Ich meine es nicht als Romantik, die den Kurgästen verkauft wird. Es ist für mich das exemplarische Bild katholischer Spiritualität: Die ungeheuere Spannung und Einheit von Schöpfungswonne und Erlösungssehnsucht.

Diese Welt ist Gottes Schöpfung, die sein Lebensatem in jeder Sekunde neu schafft. Gott ist gegenwärtig in allem Geschaffenen. „Gottes unsichtbares Wesen ist seit der Schöpfung der Welt aus seinen Werken erkennbar“, sagt der Apostel Paulus (Röm 1,20) in Übereinstimmung mit dem vielfältigen Schöpfungslob seiner hebräischen Bibel, besonders der Psalmen. Die Schöpfung ist der eine große, ursprüngliche Segen Gottes, aus dem sich alle anderen Segnungen herleiten.

Darum sage ich: Liebe katholische Brüder und Schwestern, entdeckt das Herz eures Glaubens, eurer Kirche neu! Konzentriert euch auf das Wesentliche, seid freigiebig mit den großen Gaben, die euch anvertraut sind. Lasst uns daran teilhaben und entdeckt die Gaben, die der übrigen Christenheit gegeben sind, damit wir einander beschenken und ermahnen, und damit wir miteinander uns freuen und dankbar sind!

Wir suchen und brauchen solche katholische Schöpfungsspiritualität als Grundlage unseres Glaubens.
Der Katholik glaubt mit dem Körper, der getauft wird, den er mit dem Kreuzzeichen segnet, mit dem er den Leib des Herrn empfängt, den er in die Mitte der gottesdienstlich versammelten Gemeinde bringt, damit alle gemeinsam die Nähe Gottes suchen.

*

Da müsste nun jemand ähnliches sagen über die Gaben der evangelische Christenheit. Etwa dies:
Der evangelische Glaube singt allezeit das Hohelied der Gnade: Alles Heil ist Gnade, unverdientes Geschenk Gottes, kundgeworden in der Gestalt des Gekreuzigten, der das Ende alles menschlichen Werkes und der ewige Anfang eines ganz neuen Lebens ist. Das ist die Entdeckung der Reformation: Gottes Wort ist auf dem Plan. Das Heil leuchtet uns allen, niemand es wehren kann.

Ich bin landeskirchlicher Beauftragter für den Dienst der Prädikanten, der ehrenamtlichen Prediger und Predigerinnen in den evangelischen Gemeinden, für ihre Zurüstung und Fortbildung.

Gestern Abend haben wir in Essen einen zur Zeit arbeitslosen Gartenbau-Techniker ordiniert zum Dienst der öffentlichen Verkündigung und Sakramentsfeier. „Prädikanten“  heißen diese Leute bei uns. Etwa 500 gibt es in der rheinischen Kirche, ordinierte Männer und Frauen aus allen möglichen Berufen und Altersgruppen zwischen 25 und 70 Jahren, die neben den Pfarrerinnen und Pfarrern regelmäßig predigen, Gottesdienste und Abendmahlsfeiern, auch Taufen und Bestattungen halten – als theologische Laien im Ehrenamt.

Morgen beginnt wieder ein einwöchiger Abschlusskurs. In der Woche danach stellen sich weitere 15 Männer und Frauen vor, die zu diesem Dienst bereit sind: Ein Physiktechniker, eine Apothekenhelferin, ein Kaufmannsgehilfe, eine Verwaltungsangestellte, eine Chefsekretärin, zwei Hausfrauen, ein Programmierer, eine Sachbearbeiterin, ein Umweltbeauftragter, ein Orthopädiemechanikermeister, ein Dipl.-Volkswirt, eine Dolmetscherin für Portugiesisch, eine Finanzbeamtin, und die jüngste ist Arzthelferin. Sie sind von ihren Gemeinden, d.h. vom Presbyterium, vorgeschlagen worden, nach einer Vorbereitungszeit von zwei Jahren und einigen Kursen zu Laienpredigern ordiniert zu werden.

Verkündigung geschieht in unserer rheinischen evangelischen Kirche grundsätzlich sowohl durch studierte Theologen wie durch solche Gemeindeprediger. Sie bringen in diesen Dienst ihren Glauben ein und ihre Freude an Bibel und Predigt. Und ihre Lebenserfahrung und Berufswelt.

Da müssten Sie miterleben, wie so ein Kurs eine Woche lang intensiv mit der Bibel arbeitet. Und mit dem Ziel: anderen das alles weiterzuverkünden.

Ich beschreibe das oft mit einer Szene, wie sie in einem Trickfilm vorkommen könnte: Da hängt ein Bild an der Wand, und ein Betrachter tritt auf einmal durch den Rahmen hindurch und findet sich in der Landschaft wieder, die da dargestellt ist, sieht die Berge und Häuser und Bäume und Menschen und hört ihre Stimmen und geht darin hin und her, um alles in sich aufzunehmen. So etwas geschieht, wenn wir die Bibel aufschlagen. Wir treten in sie ein. Da sitzt Jesus müde und durstig am Jakobsbrunnen, und neben ihm steht die Frau aus Samarien, und wir hören die Worte der beiden, voller Leben und voller Geheimnisse zugleich: „Der Brunnen ist sehr tief.“ – „Wer von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten.“

Evangelische Spiritualität nährt sich sich aus der Predigt und dem Wort der Schrift. Wie der jüdische Gläubige, so erwartet der evangelische Christ, wenn er die Bibel aufschlägt und zu lesen beginnt, dass er unmittelbar Gott begegnet. Er tritt ein in die Welt der Heilsgeschichte, sieht die Gestalten, in denen die Bibel den Glauben bezeugt, hört das Gotteswort aus dem Munde der Propheten, und die Proklamation des Himmelreiches und die Vergebung der Sünden aus den Worten und Taten des Messias aus Nazareth.

*

Katholische und evangelische Spiritualität sind nicht die einzigen Formen geistlichen Lebens in der Christenheit.

Vor zwei Wochen war ich eingeladen, die Predigt im Gottesdienst einer afrikanischen Pfingstgemeinde zu halten, die in unserer Kirche in Düsseldorf jeden Sonntagnachmittag zu Gast ist. Das hat mich geehrt, gerührt und gefreut. Das ist einfach ein Erlebnis. Diese Christen sind den ganzen Nachmittag von etwa halb zwei bis sechs Uhr zusammen: Erst Sonntagsschule (für Erwachsene), dann eine Stunde Anbetung und persönliche Bezeugung des Glaubens, und der Prediger weiß, dass er eine volle Stunde für seine Botschaft hat. Die Gemeinde in ihren farbigen afrikanischen Gewändern ist nach leidenschaftlichem Lobpreis und Gebet, bei dem alle laut ihre Danksagung und ihre Bitten herausrufen, plötzlich ganz still, wenn die Predigt angekündigt wird. Der Prediger wird empfangen und zum Ambo geleitet, zwei Brüder stehen ihm zur Seite, alle haben die Bibel in der Hand. Und der Prediger begrüßt die Gemeinde mit dem Aufruf zum Lobpreis „Praise the Lord“, und alle rufen „Halleluja“, und dann kann man sagen:

„Liebe Brüder und Schwestern, ich möchte mit euch heute einen Pilgerweg gehen: durch ein ganzes Evangelienbuch hindurch. Im Matthäus-Evangelium geht Jesus sieben Mal auf einen Berg. Ich möchte Euch einladen zu einer Pilgerreise. Es wird eine Wanderung über sieben Stationen sein, jede auf einem Berg. Es ist jedes Mal ein Berg, auf dem wir Jesus sehen. Manchmal ist er dort einsam und allein. Ein anderes Mal ist eine große Menschenmenge bei ihm. Wieder ein anderes Mal nimmt er nur Jünger mit, einmal nur drei ausgewählte Jünger aus dem Zwölferkreis. Diese Berge sind Stationen eines Weges, den wir mit Jesus gehen, wenn wir ihm nachfolgen wollen. Wir sind eingeladen, ihn dabei begleiten und seinen Weg mitzugehen.

Seid ihr bereit dazu? (Die Antwort der Gemeinde ist zu hören und zu spüren.) Wollt ihr mitgehen? Wollt ihr Jesus auf dem Berg sehen? Ja, ihr seid bereit. Denn ihr seid die Jünger Jesu, ihr seid Gottes Volk, ihr seid das Volk des Lobpreises, die Gemeinde der Erlösten, der Leib Christi. Ihr alle geht diesen Weg mit, Hand in Hand, voller Spannung und Freude.“

Und dann gehen wir einfach, die Bibel lesend, mit Jesus
auf den Berg der Versuchung, der zum Berg der Entscheidung und des Sieges über den Teufel wird,
– auf den Berg der Seligpreisungen,
– auf den Berg des Gebetes, auf dem Jesus allein ist in der Nacht (Mt 14,21),
– auf den Berg der Heilungen, wo er eine große Menge Menschen heilt (Mt 15,29-31),
– auf den Berg der Verklärung, auf dem das Licht der ewigen Herrlichkeit hervorbricht und Mose und Elia ihm zur Seite stehen – nur drei der engsten Jünger sind dabei
und auf den Ölberg, Jerusalem gegenüber, mit der großen Endzeitrede,
und zuletzt den Berg der Sendung in Galiläa mit dem letzten Worten des Herrn: „Geht hin in alle Welt und macht zu Jüngern alle Völker …  Ich bin bei euch alle Tage bis an die Enden der Erde.“

Und eine Stunde vergeht, ohne dass wir es merken, und als die Predigt ausklingt, beginnt eine Frau nach kurzer Zeit des Schweigens zuerst verhalten zu singen „I know, his name is Jesus“ – Ich weiß, sein Name ist Jesus. Und langsam stehen alle auf, denn den Herrn preisen kann man nicht im Sitzen, sie strecken die Hände aus, und die Trommeln und die Instrumente finden die Tonart, und ein Loblied nach dem anderen bewegt die versammelte Gemeinde „He is Lord“, „We are marching in the light of God“ und afrikanische Lieder, die ich nicht kenne, – bis einer das Signal zu neuerlicher Stille gibt.

*

Ich habe es nun verraten: Mit dem Körper, das heißt mit meinem Leib und seinen Sinnen, bin ich katholisch. Mit Kopf und Vernunft bin ich Protestant. Und mit dem Herzen und der Seele liebe ich die ersten Zeichen der pfingstlichen Erweckung, die der Christenheit Hoffnung macht auf ein neue Ausgießung der Kraft aus der Höhe, die Jesus verheißen hat.

Alle solche Gaben, katholische und evangelische und pfingstliche,  gehören nicht einer Kirche allein, sondern sind wie alle Charismen für den gegenseitigen Dienst am Glauben gegeben. Sie sollen jeweils für die ganze Christenheit in ihren vielfältigen Formen wertvoll werden und Frucht bringen. Sie kommen alle aus derselben Quelle.

Christlicher Gottesdienst soll wieder ein Ort werden, an dem Heilung geschieht, ein Zelt, in das der Mensch eintritt, um neu geworden, heil geworden an Seele und Geist, wieder in den Alltag zu treten, um für Gerechtigkeit und Menschenwürde einzutreten. Das Herz der Kirche schlägt in ihrem Gottesdienst. Wenn der Gottesdienst belanglos wird, werden auch Kirche und Glauben belanglos, und keine soziale und diakonische Arbeit kann ihr da helfen oder sie legitimieren.

Der 1. Korintherbrief beschenkt uns mit vielem: Abendmahl und Auferstehung und das Hohelied der Liebe – und das Bild von dem einen Leib mit den vielen verschiedenen Gliedern und Gaben. Viele Glieder – ein Leib, viele Gaben – ein Geist. „Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit. Ihr aber seid der Leib Christi.“ (12,26f) „Wenn ihr nun zusammenkommt, so trägt jeder etwas bei: einer einen Psalm, ein anderer eine Lehre, der dritte eine Offenbarung, einer betet in neuen Sprachen, und ein anderer legt die Sprachenrede aus. Alles geschehe zur Auferbauung (des Leibes Christi, der Gemeinde).“ (14,26)
Wir müssen endlich anfangen, uns gegenseitig zu beschenken, zu ermahnen, zu trösten, zu ermutigen und aufzubauen. Wir sollen alle katholisch sein und evangelisch und pfingstlich. Alle Gaben der vielfältigen Christenheit gehören zusammen.

Das könnte ein neues Bild für die Kirche, die Christenheit sein: Ein Garten mit vielerlei duftenden Blüten, Früchten und Gewürzen.

So beginnt nach dem ältesten Schöpfungsmythos der Bibel das Wirken Gottes: „Gott der Herr pflanzte einen Garten in Eden gegen Sonnenaufgang und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte.“ (Gen 2,8) Ein Ort entsteht, der dem Menschen Heimat und Geborgenheit geben soll, der ihm Nahrung und Leben spendet, ein bewässerter Garten, wie er wiederkehrt in den Verheißungen der Propheten: Jes 58,11:  Du wirst sein wie ein bewässerter Garten. – Jer 31,12: Ihre Seele wird sein wie ein wasserreicher Garten.
Ein Garten hat mancherlei Pflanzen, Bäume, Blumen, Kräuter, Früchte, Gewürze und Düfte. So ist die Christenheit vielfältig, jedes Beet, jede Parzelle, jede Baumgruppe. Aber wenn der Wind des Geistes, der Hauch Gottes, darüber weht, werden alle Düfte eins.

Im Hohenlied steht ein solches Wort (Hoheslied 4,16). Wir wissen, dass das Hohelied eine Sammlung von richtigen Liebesliedern ist, später gedeutet auf die Liebesbeziehung Gottes zu seinem Volk. Was ist katholischer, als beide Deutungen als ein und dasselbe zu sehen? Schöpfung und Erlösung sind eins, von einem Gott und einem Schöpfergeist gewirkt. Alle Mystik hat das längst gewusst. So klingt das Liebeslied einer jungen Hebräerin mit dem Lied der Braut bei der „Hochzeit des Lammes“ in eins (Off 19,7) und wird zum Bittruf, der für die Kirche das Leben des Geistes neu erfleht:

„Steh auf, Nordwind, und komm, Südwind, und wehe durch meinen Garten, dass der Duft seiner Gewürze ströme!“

Das Christentum ist nicht am Ende. Es steht vor einem neuen Anfang. Seine Wahrheit, seine Weisheit und seine Kraft werden wieder aufleuchten und ausstrahlen in die Herzen und das Leben der Menschen.

Morgen wird man wieder Christ sein. Denn Jesus ist unvergleichlich mehr und anders als alles, was sonst angeboten wird, und der Mensch kann nicht leben ohne den ewigen schöpferischen Geist des lebendigen Gottes und die Hoffnung, dass der Glanz seiner Herrlichkeit aufgeht über dieser vergänglichen Welt.

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Über Dr. Erhard Griese

Jahrgang 1936, verheiratet, drei erwachsene Töchter, vier Enkelkinder. Dr. theol. und Pfarrer i. R. der Evangelischen Kirche im Rheinland. Ich möchte hier Beiträge zu den Themen "Theologie" und "Pilgerreisen" anbringen.
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