„UND ER GING AUF EINEN BERG“

Stationen des Jesus-Weges: Die sieben Berge im ersten Evangelium

Ich möchte euch einladen auf einen Pilgerweg. Es wird eine Wanderung über sieben Stationen sein,  jede auf einem Berg. Es ist jedes Mal ein Berg, auf dem wir Jesus sehen. Manchmal ist er dort einsam und allein. Ein anderes Mal ist eine große Menschenmenge bei ihm. Wieder ein anderes Mal nimmt er nur Jünger mit, einmal nur drei ausgewählte Jünger aus dem Zwölferkreis. Die Stationen auf diesen Bergen sind Stationen eines Weges, den wir mit Jesus gehen, wenn wir ihm nachfolgen wollen. Im Matthäus- Evangelium bezeichnen sie einen Initiationsweg, der Menschen in den Glauben an Jesus und die Jüngerschaft einführt. So sind offensichtlich in der frühen Kirche, in den Gemeinden, die das Matthäus-Evangelium kennt und für die es geschrieben wurde, Menschen Nachfolger Jesu, „Christen“ geworden.

Im Matthäus-Evangelium geht Jesus sieben Mal auf einen Berg. Wir sind eingeladen, ihn dabei wahrzunehmen und seinen Weg mitzugehen. Der Weg, „der neue Weg“ – das ist die älteste biblische Bezeichnung für die messianische Jesus-Bewegung, aus der die Christenheit entstand. (Apg 2,28; 9,2; 16,17; 18,25f; 19,9.23; 22,4; 24,14.22)

1. Der Berg der Entscheidung (Mt 4,8)

Den ersten Berg betritt Jesus nicht aus eigenem Entschluss. „Da führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit.“

Versuchung – das ist eine Grunderfahrung des Menschen. Gerade besondere Menschen erleben Versuchungen. Die Versuchung Jesu durch den Teufel ist keine Theaterinszenierung, bei der die drei Akte, der Text und das Bühnenbild, vor allem aber das happy end schon festgelegt wären. Die Versuchungsgeschichte sagt, dass da alles auf dem Spiel steht. Sie gehört an den Anfang des Wirkens Jesu. Es geht um seinen Weg, um die Konsequenz seiner Berufung. „Er ist versucht worden in allem gleichwie wir“, sagt der Hebräerbrief (4,16) und fügt hinzu: „doch ohne Sünde“. Weil Jesus versucht wurde in allem ebenso wie wir, kann er mitempfinden mit unserer Schwachheit.

Wir gehen denselben Weg wie Jesus. Wir werden nicht ohne Sünde bleiben. Aber wir können Jesus nachfolgen, auf seinem Weg bleiben. Diesen Weg erfahren und erleben wir in den Stationen auf den Bergen, auf die Jesus geht.

Noch einmal, und jetzt auch auf uns bezogen: Den ersten Schritt gehen wir nicht aus eigenem Entschluss. Aber es ist der Schritt, der über alle folgenden entscheidet.

Jesus ist in der Wüste. Das heißt, er ist allein. Kein Freund ist neben ihm. Kein vertrautes Gesicht ist zu sehen. Kein Mensch ist in Rufweite. Unheimliche Stille ringsum. Ein Mensch allein mit Felsen, Sand und Himmel.

Jesus ist in die Wüste gegangen „vom Geist geführt“. Es ist Gottes Wille, dass er in der Wüste ist, wo Israel vierzig Jahre unterwegs war, ehe es aus dem Land der Sklaverei in das Land der Verheißung kam. Die Wüste ist Ort der Vorbereitung, der Versuchung und Anfechtung, der Entscheidung.

Dreimal wird Jesus vom Teufel versucht. Es geht zuerst darum, dass Jesus nur an sich denkt. Da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hat, hungert ihn. Wer hungert, denkt immer an sich selbst und fragt, wie er satt werden könnte. Der Teufel weist Jesus darauf hin, dass er für sich selbst wohl sorgen könnte, indem er Steine zu Brot macht.
Warum weist der hungernde Jesus das zurück? Es geht entscheidend darum, dass es ihm nicht um sich selbst geht. Seine Antwort heißt: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Munde Gottes geht.“

Was bedeutet dieses Wort? Es ist zumeist missverstanden worden, als bedeute es: Der Mensch lebt a) von Brot, also den materiellen Dingen, und b) von geistig-kulturellen bzw. religiösen Werten. Das ist eine grundfalsche Deutung, die zudem einem, der nicht zu essen hat, wie Hohn klingt. Es ist eine dualistische Deutung, die dem Wesen der Bibel und der hebräischen Sprache fremd ist. Die hebräische Sprache ist sehr knapp und deutlich, aber man muss den Unterton heraushören. Er wird nicht mitgeschrieben.

Wir kommen dem Verständnis näher, wenn wir sehen, dass die Antwort  ein Zitat ist. Alle drei Antworten auf die drei Versuchungen stammen aus ein und demselben Buch der hebräischen Bibel, der Heiligen Schrift Jesu und seines jüdischen Volkes, nämlich aus dem 5. Buch Mose, dem Buch Deuteronomium. Im Buch Deuteronomium  wird das Gottesrecht der Tora ausgerufen. Das Land und alle seine Bewohner, auch die fremden Kanaanäer, die Heiden, die Andersgläubigen, die Ausländer und Asylsuchenden, werden unter das Gottesrecht der Tora Israels gestellt. Das heißt: Ihnen gilt derselbe Schutz des Nächsten wie den Angehörigen des Bundesvolkes Israel.

Denn das Gottesrecht der Tora schützt das Lebensrecht des anderen. Und das Volk erfährt den Segen des Landes nur, wenn es das Gottesrecht der Tora achtet. Das ist die Grundaussage des Buches Deuteronomium. Die Gebote sind gegeben, damit der andere in Gerechtigkeit und Menschenwürde, ohne Furcht vor Ausbeutung, Unterdrückung, Unrecht und Gewalttat leben kann.

„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Munde Gottes geht“ (Dt. 8,3) heißt also: Nicht allein davon lebt der Mensch, dass es Brot gibt. Es gibt ja genug. Aber es ist nicht richtig verteilt. Die einen essen, die anderen hungern. Die Menschen leben also nur vom Brot, wenn das Wort der Tora, das Gottesrecht Israels, dazutritt und ein gerechtes Teilen des Brotes anordnet. Brot und Gotteswort gehören zusammen, wenn es um das Leben der Menschen geht.

Jesus weist die Versuchung zurück, weil er daran bleibt, dass die Gebote das Lebensrecht der anderen schützen. Nicht dass er sich herausnähme, seinen individuellen Hunger durch ein Wunder zu stillen, kann die Welt retten, sondern nur das Befolgen der Tora, die Gerechtigkeit und Menschenwürde für alle fordert. Nur wo die Tora verwirklicht wird, hat jeder Mensch genug zu essen.

Die zweite Versuchung bietet Jesus ein öffentliches Schauwunder an. Es soll ihm selbst und der Zuschauermasse demonstrieren, dass er Gottes Sohn sei. Der Teufel benutzt dafür sogar ein Bibelwort, einen Satz aus Psalm 91, der eine Zusage des Schutzes Gottes ist. Jesus antwortet mit Dt. 6,16: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.“ Der Kontext im Buch Deuteronomium zeigt: Das ist gleichbedeutend mit: Du sollst die Gebote halten, und zwar die ganze Tora (Dt 6,17).

Gott versuchen hieße: ausprobieren, ob es auch ohne das Halten der Gebote geht – denn Gott hat ja seinen unverbrüchlichen ewigen Bund mit Israel geschlossen. Ist er da nicht verpflichtet, ohnehin Gutes zu tun und Israel zu segnen?

Die Antwort ist eindeutig: Nein, sondern Tora und Segen hängen fest zusammen. Wer die Tora missachtet, lebt ohne Segen. Gott und die Tora sind nicht voneinander zu trennen.

Bei Matthäus erscheinen die beiden ersten Versuchungen wie ein Vorspiel zur dritten, entscheidenden Versuchung. Sie geschieht auf einem „sehr hohen Berg“. Die Höhe des Berges zeigt die Bedeutung der Entscheidung an. Sie dient auch dazu, „alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit“ ins Blickfeld treten zu lassen.

Die Antwort Jesu („Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen“) stammt aus demselben Abschnitt wie die Antwort auf die zweite Versuchung. Es ist der Abschnitt, indem die beiden Kerntexte der hebräischen Bibel stehen: das „Schema Israel“ und das „kleine geschichtliche Credo“, in unserer Bibel das Kapitel 6.

Es enthält das Urbekenntnis Israels, das tägliches Gebet, Gebot und Glaubensbekenntnis zugleich ist: „Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. Und du wirst den HERRn, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller deiner Kraft.“ (Dt 6,4-5)

Beim genauen Vergleich der Antwort Jesu Mt 4,10 und dem Deuteronomium-Vers fällt auf, daß die Fassung in der Evangelienerzählung ein Wort einfügt: „allein“. Es ist das gewaltige hebräische ÄCHAD („einzig“, „allein“, nur einmal existent im striktesten Sinne, ohne Vergleichbares), auf das der erste Satz des „Schema Israel“ endet. „Schema Jisrael, adoschem elohejnu, adoschem ächad.“ Aller Glaube Israels, seine Erwählung, sein Weg durch die Geschichte, das Eifern Gottes, die Sonderexistenz seines Volkes unter den Heidenvölkern wird in diesem einen Wort greifbar. Es ist von furchterregender
Ausschließlichkeit. ER ALLEIN. Nichts sonst. Es sieht sogar so aus, dass die beiden letzten Antwortsätze der Versuchungsgeschichte beide auf dieses Schema Israel hinzielen, es aber in typisch jüdischer Vorsicht und Verhüllung nicht direkt zitieren. Der kundige Hörer wird auf den Zusammenhang verwiesen und weiß, was gemeint ist.

Und das „kleine geschichtliche Credo“ (6,20-25): „Wenn dich nun dein Sohn morgen fragen wird: Was sind das für Vermahnungen, Gebote und Rechte, die euch der HERR, unser Gott, geboten hat? so sollst du deinem Sohn sagen: Wir waren Knechte des Pharao in Ägypten,und der HERR führte uns aus Ägypten mit mächtiger Hand;und der HERR tat große und furchtbare Zeichen und Wunder an Ägypten und am Pharao und an seinem ganzen Hause vor unsern Augen und führte uns von dort weg, um uns hineinzubringen und uns das Land zu geben, wie er unsern Vätern geschworen hatte. Und der HERR hat uns geboten, nach all diesen Rechten zu tun, dass wir den HERRn, unsern Gott, fürchten, auf dass es uns wohlgehe unser Leben lang, so wie es heute ist. Und das wird unsere Gerechtigkeit sein, dass wir alle diese Gebote tun und halten vor dem HERRn, unserm Gott, wie er uns geboten hat.“

Es ist das Bekenntnis zu der grundlegenden geschichtlichen Rettungstat Gottes an Israel, der Befreiung aus dem „Sklavenhaus“ in Ägypten, dem Exodus. Diese Haggadah (bekenntnishafte Erzählung), die zum Pessachfest gelesen wird, ist die Begründung für die Geltung der Tora und das Thema der Glaubensunterweisung, der Elementarkatechese in den Familien des Volkes Israel: „Wenn dich nun dein Sohn morgen fragen wird …“

Jesus auf dem Berg der Versuchung … Das Wortgefecht mit dem Teufel … Die Sätze aus dem Buch Deuteronomium … Das Schema Israel …  Es wird deutlich, auf welchen Zusammenhang diese Szenen verweisen. Es ist ein ganz und gar jüdischer Kontext. Jesus steht ganz im Wirkungsbereich des Gottes Israels. Er lebt von dem Wort, das aus dem Munde Gottes geht. „Den Juden ist anvertraut, was Gott geredet hat“, schreibt der Apostel Paulus (Röm 3,2). Jesus tritt ganz und gar als Jude vor uns, mit der hebräischen Bibel in seinem Kopf und seinem Herzen. Es ist der Schatz der Gotteserfahrung und Weisheit Israels, mit dem er den Kampf gegen die Versuchung des Teufels besteht.

Der Berg der Versuchung wird zugleich zum Berg der Entscheidung. Die Entscheidung ist eine Entscheidung für den Gott Israels, für das große furchtbare ÄCHAD, für das Gottesrecht der Tora und damit für das verheißene, kommende Gottesreich.

Das ist der erste Berg, der zum Berg der Entscheidung wird. Jesus ist auf die Höhe dieses Berges nicht selbst gegangen, sondern geführt worden. Von jetzt an handelt er in der Vollmacht, die er auf dem Berg der Entscheidung errungen hat. Er wird nicht mehr vom Teufel irgendwohin geführt werden, sondern seinen Weg selbst bestimmen und gehen, im Einklang mit seinem Gott und Vater im Himmel.

Auch am Beginn unseres Weges steht eine Entscheidung. Wir können uns die Situation nicht selbst bestimmen und heraussuchen, in welcher diese Entscheidung an uns herantritt. Unsere einzig wirksamen Waffen und Instrumente gegen die Stimme des Versuchers sind die Gottesworte der Schrift. Niemand ist allein, der die Gottesworte der Schrift im Kopf und im Herzen hat und einbringen kann in den Kampf gegen den Versucher.

„Den Juden ist anvertraut, was Gott geredet hat“, sagt der Apostel Paulus (Röm 3,2). Immer wenn der Apostel von der Schrift redet und sie zitiert, meint er seine hebräische Bibel, die Bibel Jesu, die Heiligen Schriften des Ersten Bundes. Unter ihnen ragt besonders das Fünf-Schriftrollen-Werk der Tora, des Pentateuch (5 Bücher Mose) heraus. In der Wahrheit und Weisheit dieses Wortes ist Jesus aufgewachsen und gelehrt worden. Mit der Wahrheit und Weisheit der Tora besteht er die Versuchung des Teufels und bleibt auf dem Weg, auf den er gerufen ist.

Die Szene endet ermutigend und stärkend: „Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm.“ (Mt 4,9)

Markus erzählt dabei noch etwas sehr Anrührendes und Geheimnisvolles: „Er war in der Wüste vierzig Tage und wurde versucht von dem Satan und war bei den Tieren, und die Engel dienten ihm.“ Ich weiß nicht, was dieses „und er war bei den Tieren“ bedeutet. Im Urtext heißt es richtig: er war mit den Tieren, lebte mit ihnen zusammen. Es erinnert an die paradiesische Szene vom ersten Menschen, der mit den Tieren im Einklang lebte. Es kann aber auch das rauhe Leben in der Einsamkeit der Wüste beschreiben, wo nur Tiere, aber kein Mensch bei Jesus ist. In jedem Falle ist es ein ungewöhnliches, aber faszinierendes Bild: Der Menschensohn in der Wüste, bei den Tieren der Wildnis, und die Engel bei ihm.

Ich glaube, das ist eine große Verheißung: Wer die Versuchung besteht und mit Gott und seiner Tora verbunden bleibt, der lebt wie in der kommenden Welt Gottes, mit den Tieren und den Engeln.

Der Berg der Seligpreisungen (Mt 5,1ff)

Auf den nächsten Berg geht Jesus nicht allein. Er ist längst nicht mehr allein. Er hat Menschen bei sich, die er gerufen und ausgewählt hat. In Galiläa, am See Genezareth, hat er sie gefunden. Sie haben seine Botschaft gehört: „Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ Das ist der Kern der Botschaft Jesu, des Evangeliums, das erste Wort, das Jesus nach seiner Taufe zu den Menschen spricht.

Mit diesem Ruf bricht in Galiläa, der armen, verachteten und verelendeten Provinz im Norden, das Licht Gottes herein. Matthäus erinnert an ein Wort  des Propheten Jesaja, das sich nun erfüllt: „Das Land Sebulon und das Land Naphtali, das Land am Meer, das Land jenseits des Jordan, das Galiläa der Heiden – das Volk, das in Finsternis wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die wohnen in Dunkelheit und Todesschatten, scheint es hell.“ (Jes 8,23/9,1)

Es ist die Heimat Jesu, das Land, in dem er aufgewachsen ist, Galiläa, die Orte um den See Genezareth, das „Galiläische Meer“, das von den Römern „See Tiberias“ genannt wird nach der neugegründeten Garnisonstadt, die den Namen ihres Cäsars trägt – den die drei ersten Evangelien nie in den Mund nehmen.

Und da geht Jesus am See entlang, dem lebenspendenden Süßwasserbecken des Jordan, zwischen den Bergen, von Hügeln und Auen umgeben, dem größten Süßwassersee zwischen Nordafrika und Persien, der doch von jedem Hügel und Berg der Umgebung zu überschauen ist. Dort, am See, beruft er die ersten, die ihm nachfolgen sollen. Es sind Fischer, die ihre Netze auswerrfen oder am Ufer reparieren. „Ich will euch zu Menschenfischern machen.“ Sie lassen ihre Netze und folgen ihm nach, Petrus und Andreas, die beiden Söhne des Jona, Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus.
„Einfache Fischer“, hat die fromme Auslegung gern gesagt. Aber was heißt „einfach“ bei einem Juden? Fischer, das ist ein uralter Beruf. Er ernährt eine Familie, sogar eine große Familie. Fischen ist Gemeinschaftsarbeit. Da ist eine große Sippe wertvoll, oder Nachbarn tun sich zusammen. Fischer haben ein Gefühl für Gemeinschaft. Ein einzelner kann schwerlich ein Netz halten. Es gehören immer mehrere zusammen, um zu fischen und den fang einzubringen. Noch heutzutage fischen sie dort in Galiläa auf diese Weise, am flachen Ufer mit ausgeworfenen Netzen oder mit Booten „auf der Höhe des Sees“. Fische gab und gibt es reichlich im Wasser des Sees. Aber wer einen guten Fang tun will, muß die rechte Zeit und den günstigen Ort kennen.

Fischer sind damals nicht die ärmsten Leute. Der Vater Zebedäus scheint sogar ein kleiner Unternehmer zu sein. Nach Mk 1,20 hatte er Tagelöhner in seinem Dienst, und die Mutter der beiden Zebedaiden möchte, typisch für den ehrgeizig aufstrebenden „Mittelstand“, dass ihre Söhne die bevorzugten Adjutanten des Messias werden (Mt 20,20ff). Nein, die ärmsten sind es nicht. Sie leben ortsfest, haben ein Haus (Mt 8,14) und ihr Auskommen. Damit gehören sie damals in Galiläa zu den wenigen Privilegierten, längst nicht so reich wie die syrischen Großgrundbesitzer von Roms Gnaden, die einen Großteil des fruchtbaren Landes besitzen, aber auch nicht so unsicher gestellt wie deren Verwalter oder die Steuereintreiber, die sich, obgleich sie Juden sind, den imperialistischen Römern in den Dienst für die ausländische Militärmacht verkauft haben, um reich zu werden, und die dafür die Exkommunikation durch ihre Landsleute riskiert haben. Der größte Teil der Bewohner des furchtbaren, aber darum übervölkerten, von der Besatzungsmacht gequälten, von den Reichen ausgebeuteten Galiläa, ferne vomjüdischen Kernland Judäa mit seiner großartigen Hauptstadt Jerusalem, der Stadt des EWIGEN und seines Tempels, war bitterarm, verelendet, in Lohnsklaverei getrieben oder verzweifelt herumziehend, Väter, die ihre Familie im Stich gelassen hatten, weil sie sie nicht ernähren konnten oder den Schulden entfliehen wollten, herumziehende Gruppen von Kindern, halb bettelnd, halb räubernd, in den Wahn geratene Menschen, Aussätzige an öden Orten außerhalb der menschlichen Siedlungen – „das Volk, das in Finsternis wandelt und  in Dunkelheit und Todesschatten lebt“.

Das macht die Nachfolge der Fischer vom See Genezareth um so erstaunlicher. Sie verlassen tatsächlich einen sicheren Arbeitsplatz, die Familie, das Zuhause, „den Vater“, wie es bei den Zebedäussöhnen ausdrücklich vermerkt wird. „Herr, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt“, sagt Petrus einmal (Mt 19,27).

Und – „einfache Fischer“? Eigentlich ist ein jüdischer Mann seit dem babylonischen Exil niemals ungebildet. In keinem anderen Volk – bis in das 19. Jahrhundert hinein – lernen zumindest alle Männer Lesen und Schreiben. Und viele lesen auch das alte Hebräisch der Tora und der Haftara (der Prophetenlesung) gut, wenn sie sich, wie Jesus Luk 4,16 in der Synagoge dafür melden. Nach dem Johannes-Evangelium zählen Petrus und sein älterer Bruder Andreas, der „Erstberufene“ (Protoklet), wie ihn die griechische Kirche nennt, die ihm zum Patron hat, zu den Jüngern des Täufers; sie werden am Jordan von Jesus berufen (Joh 1,35-42) und stammen ursprünglich aus Bethsaida, das nahe bei Kapernaum liegt.

Zwei Fakten gehören zur Antwort auf die Frage, ob die ersten Jünger „einfache Leute“ waren. In Galiläa gab es massenhaft Menschen, die durch bittere Not daran gehindert waren, die Tora zu lesen und zu studieren. Viele davon mögen geradezu ungebildet gewesen sein und das wenige vergessen haben, das sie einmal als Kinder lernen konnten, wie es überall auf der Welt bei den campesinos und ihresgleichen der Fall ist. Die frommen Schriftgelehrten nannten sie abfällig „Am-ha-aräz“, „Leute vom Land“, Menschen, die nahe der Ackererde arbeiten und ungebildet sind, die die Tora nicht kennen und deshalb auch nicht danach leben – zu denen man also großen Abstand hält. So weit kann es bei den Fischern vom See, die in geordneten Familien lebten, nicht gewesen sein.

Um so radikaler ist, was Nachfolge Jesu für sie bedeutet. Sie bedeutet Solidarität mit den Bettelarmen, mit denen, die die Tora nicht richtig kennen, den verachteten und verirrten unter den Kindern Israels. Das ist auch für einen Juden nicht so ganz selbstverständlich, jedenfalls damals nicht. Jeder muss sehen, wo er bleibt – auch das lehrt die Not.

Und zum zweiten: In Galiläa gärt es ständig, mehr noch als in Judäa oder im Judentum der Diaspora. Da sind Prophetien im Umlauf, Zeloten = Partisanenkämpfer gegen die Römerherrschaft suchen neue Gefolgsleute, eine Fülle von apokalyptisch-messianischen Vorstellungen bewegt die Menschen. Jede Gruppierung hat irgendwo ihre Anhänger und Sympathisanten. Das ist gut möglich, dass das erste Brüderpaar, die Fischer vom See Genezareth, auf die Botschaft des Täufers gehört hatten und sich von ihm als Zeichen ihrer Umkehr im Jordan taufen ließen, ebenso wie es gut möglich ist, dass dieser Täufer Johannes in einer der Gruppen in der Wüste (Luk 1,80) am Toten Meer erzogen wurde oder von dort den ersten Impuls für sein Auftreten bekam.

Diese Jünger selbst gehörten demnach nicht zu den Allerärmsten, offensichtlich auch Jesus nicht, aber zu Kreisen, in denen es apokalyptisch-messianisch gärte. Darum können sie auch nicht zu den Ungebildetsten gehört haben. Ein jüdischer Mann, dessen Lebensverhältnisse es einigermaßen gestatten, lernt und lernt die Tora und die Weisheit Israels und hält sich an die Feste seines Volkes, in denen das Handeln Gottes gefeiert wird.

Von vier Jünger ist also erst berichtet, als Jesus „auf den Berg geht“. Die Zwölfzahl der Berufenen taucht erst später auf. Nach Lukas (6,12ff) geschieht diese Wahl der Apostel, die die zwölf Stämme Israels repräsentieren, nachdem Jesus eine Nacht lang auf einem Berg war – dem einzigen Berg, den Lukas erwähnt, denn auch die große Evangeliumsrede, die bei Matthäus als „Bergpredigt“ erscheint, geschieht bei ihm „auf einem ebenen Feld“, und die Zuhörerschaft kommt von  weiter nördlich, neben Galiläa aus dem heidnischen Küstenland um Tyrus und Sidon. Bei beiden, Matthäus wie Lukas, aber strömt die Menge hinzu, weil sie von Krankenheilungen und Dämonenaustreibungen durch Jesus gehört haben.

Bei der Szene auf dem Berg werden wir aber an eine noch größere Zahl von Jüngern zu denken haben. Was da beschrieben wird, muss genau gelesen werden; denn es ist wichtig, präzise zu sehen, an wen Jesus seine Worte richtet.

Eine große Volksmenge ist da zu ihm gekommen, „aus Galiläa, aus der Dekapolis, aus Jerusalem, aus Judäa und von jenseits des Jordan“ (4,25). Als Jesus diese Menschenmenge sieht, geht er auf einen Berg und setzt sich. Dass er sich setzt, heißt nach damaligem Verständnis: Er will sprechen. Der Lehrende sitzt, die Hörenden stehen um ihn herum. „Und seine Jünger traten zu ihm“ (5,1). Sie verlassen also das Volk und treten zu Jesus. Sie gehören zu ihm. „Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach“ (5,2).

Wen lehrt Jesus? Die Jünger? Oder das Volk?

Wir stehen bei Jesus auf dem Berg der Seligpreisungen (Mt 5,1ff) und hören, wie er die Magna Charta des Gottesreiches ausruft und den Einklang des Menschen mit Gott wiederherstellt:
Selig, die arm sind vor  Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.
Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.
Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben.
Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden.
Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.
Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen.
Selig, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.
Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich.

Der Berg des Gebets (Mt 14,15-23)

Der nächste Berg des Matthäus-Evangeliums ist der Berg, auf den Jesus allein geht. Es ist, nachdem er die Fünftausend mit dem Brot und den Fischen gespeist und wieder nach Hause geschickt hat. Er geht auf diesen Berg, um zu beten, allein, und es ist Abend.

Der Berg der Heilungen (Mt 15,29-38)

Wir sehen Jesus, wie er aus dem heidnischen Land zurück an das Galiläische Meer kommt und auf einen Berg geht und sich dort niedersetzt, und die Menschenmenge bringt Gelähmte, Verkrüppelte, Blinde, Stumme und viele andere Kranke zu ihm, und er heilt sie, und sie preisen  den Gott Israels (Mt 15,29-31). Wir erwarten uns Heilung von ihm durch die Weisheit, die er seiner Kirche geschenkt hat, Heilung unserer Lahmheit und Blindheit, unserer  Sprachlosigkeit und unserer Behinderungen, damit wir wieder den Gott Israels zu preisen lernen.

Und Jesus speist die 4000, die Vertreter der Völkerwelt.

Der Berg der Verklärung (Mt 17,1-9)

Der Berg der Verklärung ist unsere nächste Station:

Jesus nahm mit sich Petrus und Jakobus und Johannes, dessen Bruder, und führte sie auf einen sehr hohen Berg. Und er wurde vor ihren Augen verklärt, und sein Gesicht leuchtete wie die Sonne, und sein Gewand wurde blendend weiß wie das Licht. Und es traten Mose und Elia zu ihm und redeten mit ihm. (Mt 17,1ff)

Es ist das Menschenantlitz Jesu, das da verklärt wird, sein menschlicher Leib, ja die von Menschen gewobenen Kleider, die er trägt. Und Mose und Elia sind nicht von den Pforten des Totenreiches verschluckt und begraben, sondern begegnen den Jüngern, die hier ihre Initiation in die Geheimnisse der göttlichen Kraft erleben.

Der Berg der Ölbäume

Die Gerichtsrede auf dem Berg der Ölbäume: Mt 24,3-26,2

Die Anhöhe gegenüber vom Tempelberg in Jerusalem heißt „Ölberg“, horos toon elaioon, Berg der Olivenbäume. Er wird schon 21,1 erwähnt: „Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Bethfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus … “

Jesus zieht in Jerusalem ein.

Nicht der Tempelberg und nicht der „Berg“ Golgatha, der im Griechischen „topos“ (=Platz) genannt wird, sondern die Anhöhe über dem Kidrontal mit dem Blick auf Jerusalem und den Tempel. Es ist der Berg einer großen Gerichtsrede:

„Seht zu, dass euch nicht jemand verführe. Denn es werden viele kommen unter meinem Namen und sagen: Ich bin der Christus, und sie werden viele verführen. …
Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig werden. …“
Die große Bedrängnis (24-15-28)
Das Kommen des Menschensohnes (24,29-31)
Vom Feigenbaum lernt ein Gleichnis … (24,32ff)
„Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.“ (24,35)
„Darum wachet! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt.“ (24,42)
Vom treuen und vom bösen Knecht (24,43-51)
„Dann wird das Himmelreich gleichen zehn Jungfrauen …“ (25,1-13)
Von den anvertrauten Pfunden (25,14-30)
„Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit …“ (25,31-46)
Und es begab sich, als Jesus alle diese Reden vollendet hatte, dass er zu seinen Jüngern sprach:
„Ihr wisst, dass in zwei Tagen Passah ist, und der Menschensohn wird überantwortet werden, dass er gekreuzigt werde.“

Der Berg der Sendung (Mt 28,16-20)

Der letzte Berg des Mt-Ev ist der Berg in Galiläa, zu dem Jesus seine Jünger beschieden hat, um sie in die ganze Menschen- und Völkerwelt auszusenden. Einige zweifeln, aber allen gilt der Auftrag: „Macht die Heidenvölker allesamt zu meinen Jüngern und macht sie vertraut mit der Weisheit von Gott, die ich euch gelehrt habe. Ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt.“

Die Taufe auf den Namen des Dreieinigen Gottes ist diese Berufung und Sendung, die uns Heiden mit Israel und seinem Gott verbindet, die uns in die Nachfolge des Messias Jesus ruft und die sich im Wirken des schöpferischen Gottesgeistes erfüllt, der uns neu macht und uns den neuen Himmel und die neue Erde verheißt, in denen Gerechtigkeit wohnt. (2.Pt 3,13)

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Über Dr. Erhard Griese

Jahrgang 1936, verheiratet, drei erwachsene Töchter, vier Enkelkinder. Dr. theol. und Pfarrer i. R. der Evangelischen Kirche im Rheinland. Ich möchte hier Beiträge zu den Themen "Theologie" und "Pilgerreisen" anbringen.
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