Die Freiheit der Wildgänse

Andacht in der Neuen Stockumer Kapelle des Film-, Funk- und Fernsehzentrums
der Evangelischen Kirche im Rheinland am 28. Januar 2011
Erhard Griese

Wer die grauen Wildgänse erblickt, die sich auf den kargen Wiesen der schottischen Inseln, oft ganz in der Nähe von Schafherden, niederlassen, dem erscheinen sie als etwas plumpe, geradezu „bäuerliche“ Wesen, die mühsam ihre Schritte über das Land setzen.

Aber wer sie im Flug mit schrillem Schrei nach Norden rauschen sieht (wie das Lied aus der Jugendbewegung uns vorsingt) oder im Herbst wieder nach Süden, der erlebt ein grandioses bewegtes Bild aus der wilden Natur, dem er seine Sehnsucht hinterherschicken möchte. Wildgänse haben einen gewaltigen Instinkt für Gemeinschaft. Nur in Gemeinschaft können sie weite Strecken über Meer und Fels im Flug zurücklegen: Ein kräftiger Vogel flattert und segelt voran an der Spitze eines gedachten Dreiecks (ohne Grundlinie), aber wenn er müde wird, tritt sogleich ein anderer an seine Position. Auch wenn ein schwaches Wildgänslein seine Kräfte verliert und ganz ans Ende zurückfällt, begibt sich eine erfahrene Graugans dahinter und motiviert es zu neuem Schwung.

Die Wildgans ist ein Tier, das in diese Landschaft der grauen Felsen, der weißen Gischt, der oft baumlosen Wiesen und der türkisfarbenen Wasserflächen passt. Unbeirrt, zielgerichtet, zieht sie ihren Weg durch die Lüfte, getragen vom Wind, der über den Wellen aufsteigt, immer gemeinsam mit anderen aus ihrer Schar. Im Kontext christlicher Symbolsprache und Spiritualität erscheint sie als ein geheimnisvolles Wesen, irgendwo zwischen der sanften Taube und dem wilden Adler.

Es ist nicht überraschend, dass die Wildgans, „the wild goose“, das Symboltier der keltischen Christen geworden ist. Unbekümmert wird sie mit dem Heiligen Geist verbunden. In der kräftigen, mutigen Spiritualität, mit der die Heiligen aus Hibernia und Caledonia (= Irland und Schottland) die geschaffene Welt mit dem Wirken Gottes, seinem schöpferischen Geist, in eins setzten, tritt die Wildgans an die Stelle der biblischen Taube, die wir aus der Szene am Jordan kennen.

Wahrscheinlich geht dieses Symbol auf Columba von Iona, „Columcille“, zurück. Ehe er seinen Weg als Mönchsvater und missionarischer Prediger auf Iona begann (563 oder 64) war er ein aufbrausender junger Abkömmling einer Häuptlingsfamilie in Irland gewesen. Als er in seinem Ehrgeiz ein wertvolles Buch aus dem Schatz seines Abtes (des hl. Finnian) abgeschrieben hatte und den Band behalten wollte, der König aber verfügte, dass „das Kalb zur Kuh gehört“, also die Abschrift zum Original, da wuchs der Unmut in ihm. Als dann auch noch ein königlicher Krieger einen Mönch erschlug, da brannten die Sicherungen bei ihm durch und er entfesselte (es war das Jahr 561) eine regelrechte Schlacht zwischen Mönchen und Soldaten, bei der, wie überliefert ist, 3000 Soldaten getötet wurden und nur ein Mönch sein Leben verlor. Columban wird daraufhin aus seiner Sippe und der Klostergemeinschaft verstoßen – eine schmerzvolle und schwere Strafe für einen Iren. Er sammelt aber 12 Brüder um sich und segelt mit einem lederbespannten Boot übers Meer – in die Freiheit. Als er mit der winzigen Insel Iona, nicht einmal 9 qkm groß, das erste Stück Land erreicht, von dem aus die Küste Irlands nichts mehr zu sehen ist, beschließt er, dort zu bleiben. Er baut mit seinen Männern ein Kloster, das man sich als Anlage aus schweren Feldsteinen, mit wenig Holzbalken, aber mit Grassoden bedeckt vorstellen muss. Columban will mindestens 3000 Menschen plus einen zu Christen machen. Dazu muss er auf das kaledonische Festland zu den Pikten und wird deren Missionar, „Apostel Schottlands“.

34 Jahre wirkt Columban mit seinen Männern auf Iona. Die Insel wird zu einem der Zentren geistlichen Lebens in Europa. Adlige Familien schicken ihre Söhne in die dortige Schule, die Zahl der Mönche wächst auf großartige Weise. Immer wenn ihre Zahl über die Menge hinausgewachsen ist, die der Boden der kargen Insel und ihre Fischgründe ernähren können (100 bis 150), schickt Columban eine neue Gruppe in der Größe der apostolischen Zwölfzahl aufs Festland. Es mutet an, wie wenn die Wildgänse, die auf den Felsen gebrütet haben, ihre Jungen so früh wie nötig und möglich in Richtung auf das Meer hinabschubsen, damit sie zu fliegen beginnen und die Freiheit erfahren. Nicht weniger als 60 Klöster entstehen in der Folgezeit in Schottland und Northumbria.

„Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“, schreibt Paulus an die Korinther (2.Kor 3,17).

Heute erwacht die Erinnerung an das Erbe der keltischen Christenheit neu. Sowohl katholische Christen in Irland wie Presbyterianer der Church of Scotland orientieren sich am Vermächtnis ihrer Vorfahren. Neben ökumenischen und überkonfessionellen Gemeinschaften sind auch solche entstanden, die sich direkt an das keltische Erbe anzuschließen versuchen und neue, unabhängige Wege gehen.

Eine bedeutsame Rolle spielt bei ihnen allen die keltische Gelassenheit, die sich die Freiheit zumutet, dem anderen auch dann Vertrauen entgegenzubringen, wenn er anders ist, anders denkt, glaubt und seinen Glauben praktiziert. Offenheit ist möglich, wenn es eine feste Verwurzelung in einer Identität gibt, die ausstrahlt. Das Menschenbild, das hinter der keltischen Spiritualität steht, ist erstaunlich hoffnungsvoll und bei allem Realismus geradezu optimistisch. Der Mensch, der inmitten der großen Schöpfung Gott erlebt, weiß sich getragen von den uralten Geheimnissen der Gegenwart Gottes in der Welt. Da werden die Ur-Elemente der Natur – Erde, Wasser, Feuer und Wind – transparent für die lebendige Anwesenheit Gottes, dessen Nähe in allem Geschaffenen erfahren und erlebt wird. Im Einklang mit der Erde, in der Berührung mit dem Wasser, im Strahlen des Lichts und getragen vom Wind lebt der keltische Christ im Horizont der Schöpfung Gottes, in der Gewissheit, dass Gott über ihm, unter ihm, neben ihm, vor ihm und hinter ihm da ist wie Erde, Wasser, Feuer und Luft.

In diesem Neuaufbruch hin zum Erbe der keltischen Christen steckt ein gewaltiges theologisches Potential, das fruchtbar gemacht werden kann in den Problemen, vor denen die Christenheit in unserer Zeit steckt.

Das wird nur möglich mit einer aufmerksamen Kritik an dem großen Strang abendländischer Glaubenslehre und Frömmigkeit, der mit den Namen des Apostels Paulus, des Kirchenvaters Augustinus und nicht zuletzt auch dem Martin Luthers verbunden ist. Die entscheidenden Fragen, die sich in diesem Zusammenhang stellen, sollen nicht dogmatisch entschieden, sondern in Gelassenheit erörtert und in Offenheit bedacht werden.

Nichts ist zu verwerfen, was einmal Menschen zum Vertrauen auf die Macht des göttlichen Geistes geholfen hat.

Nichts ist zu verwerfen, was das Feuer der Faszination durch Gott und sein wirkende Gegenwart  in der Welt angefacht hat.

Wer sich der keltischen christlichen Spiritualität zuwendet, der tritt in den Horizont eines großen Segens und einer gewaltigen Hoffnung für sich selbst, für diese Erde und für alle Menschen, die sich berühren lassen.

Ich erhebe mich heute in der Kraft des Himmels,
des Sonnenlichtes und des Mondenscheins,
der Feuersgluten und der zuckenden Blitze,
des sanften Windes und der Tiefe des Meeres,
der Festigkeit der Erde und der mächtigen Felsen.

Möge die Straße dir entgegenkommen,
möge der Wind dir den Rücken stärken,
möge die Sonne warm auf dein Gesicht scheinen,
möge der Regen sanft auf deine Felder fallen,
und bis wir uns wiedersehen,
halte Gott dich fest in seiner Hand.

Es segne dich der Friede der wogenden Wellen,
es segne dich der Friede des wehenden Windes,
es segne dich der Friede der stillen Erde,
es segne dich der Friede der leuchtenden Sterne,
und jedes Kind des Friedens segne dich.

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Über Dr. Erhard Griese

Jahrgang 1936, verheiratet, drei erwachsene Töchter, vier Enkelkinder. Dr. theol. und Pfarrer i. R. der Evangelischen Kirche im Rheinland. Ich möchte hier Beiträge zu den Themen "Theologie" und "Pilgerreisen" anbringen.
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