Die spirituelle Welt der vorchristlichen Kelten

zitiert aus Hans-Joachim Tambour: Der Keltische Weg

Anderswelt

Ein zentrales Motiv keltischer Geschichten, das gewandelt in christlichen Hagiographien wieder auftaucht, ist das der „Anderswelt“. Dieses Motiv scheint mir ein Schlüssel zu sein, um keltischer Spiritualität auf die Spur zu kommen. Die „Anderswelt“ ist kurz gesagt eine Welt, die jenseits oder parallel der normalen Alltagserfahrungen existiert, in der andere Wesen leben, die von Zeit zu Zeit Verbindungen zu den Menschen aufnehmen. Heute säkularisiert und ihres Ernstes beraubt, erinnern allerlei Kobold- und Elfengestalten, die ihre Späße mit den Menschen treiben, an diese Vorstellung. In diesen verkitschten Figuren verbirgt sich eine Erinnerung an den Mythos des Volks der Thuata de Danaan, des Volks der Muttergöttin Dana. In dem keltischen, aber erst um 1170 von christlichen Mönchen festgehaltenen mythologischen Werk „Buch der Eroberungen“ (Lebor Gabála Erenn) wird erzählt, wie Irland in sechs Einwanderungswellen besiedelt wurde. Dieses große Epos endet mit der Erzählung der Ankunft der Milseser, die die Thuata de Danaan bekämpften und besiegten. Aber anstatt sie zu vernichten oder zu vertreiben, erlaubten die Sieger den Besiegten, im Land zu bleiben – unter der Bedingung, dass sie sich in die Hügelgräber zurückzögen. In unteriridischen Palästen (síde) wie z.B. den Megalithgräbern von Bruig-na-Bóine lebten die Tuatha de Danaan als unsterbliche Elfen oder auch das „gute Volk“ genannt, weiter und suchten von Zeit zu Zeit den Kontakt mit den Menschen. Historisch ist es möglich, dass in diesen Erzählungen ein Volk geschildert wird, dass in einer Art Untergrundbewegung die keltische Kultur aus Verstecken heraus attackierte. Doch unabhängig von möglicherweise historischen Hintergründen war die Wirkungsgeschichte dieses Mythos eine andere. Das Book of Armagh, eine um 800 entstandene Handschrift, die neben lateinischen auch Texte enthält, die zu den ersten noch heute erhaltenen zusammenhängen Texten in irischer Sprache gehören, sieht in den Elfen die alten Götter des keltischen Irlands, die in der Anderswelt lebten.

Aber wie soll man sich die „Anderswelt“ vorstellen? Was unterscheidet sie von der Alltagsrealität? Trägt man die verschiedenen Beschreibungen zusammen, fällt die Uneinheitlichkeit auf. Oft stehen Gegensätze spannungsreich nebeneinander, werden aber nicht aufgelöst, sondern ausgehalten. Auch haben die gleichen Orte und Personen verschiedene Namen. In der Anderswelt hat das Nichtwiderspruchsprinzip keine Geltung. Wie unwillkürliche Bilder, die in Träumen oder Trance aufsteigen, ist die Realität der Anderswelt vielschichtig, unscharf und mehrdeutig. Diese Welt stellt die gewohnte Realitätswahrnehmung in Frage. Die Vorstellung der Anderswelt repräsentiert die Erfahrung, dass ab und an die gewöhnliche Wahrnehmung aufbricht, dass Konstruktionen und gewohnte Deutungen zerbrechen, um den Blick frei zu machen für sonst unbewusste und nicht wahrgenommene Kräfte und Realitäten.

Seelenreise

In keltischen, aber auch in christlichen Geschichten wird berichtet, wie Menschen sich auf die Suche nach der Anderswelt machen. Diese Erzählungen bilden ein eigenes literarisches Genre, die Immrama, d.h. die Seereisen zur Anderswelt. Verortet wird die Anderswelt auf einer im Atlantik liegenden Insel, die wahlweise Land des Lebens (Tír na mBéo), Land der Verheißung (Tír Tairngire), Land der ewigen Jugend (Tír na nOg) oder Land der Frauen (Tír na mBan) genannt wird. Berühmt ist die Reise des vermenschlichten keltischen Gottes Bran, Sohn des Febal. Diese Geschichte wurde um 700 von Mönchen aus dem Kloster in Bangor schriftlich festgehalten. Auf seiner Fahrt über das Meer erlebt Bran viele Abenteuer, bis auf der andersweltlichen Insel der Frauen Tir na mBan landet. Dort begrüßt ihn eine schöne Frau, die die Schönheit und den Frieden der Anderswelt besingt, in der es weder Tod noch Verrat gebe. Der Ort wird geschildert als ildatach, was so viel bedeutet wie „vielfarben, schillernd, regenbogenfarben“. Die Zeit vergeht dort unbemerkt wie im Fluge.

Jahrhunderte später brach der Legende nach der christliche Mönch Brendon (bzw. Brandon) von Clonfert, ausgerüstet mit drei Lederbooten (Curraghs) und 30 Brüdern, zu einer ähnlichen Odyssee auf, indem er sich und seine Boote den Strömungen des Meeres überließ.  Nach vielen Begegnungen und Erlebnissen, die ihn – wie spätere Interpreten meinen – bis an die Küste Nordamerikas geführt haben sollen, erreicht er Tir na nOg, die Insel der ewigen Jugend. Das Buch Navigatio Brendani, das von den Abenteuern der Mönche erzählt, war im Mittelalter eine der meistgelesenen Reiserzählungen. Vielfach wurde die Erzählung wörtlich genommen. So fand sich auf Karten des 15. Jahrhunderts eine Insel des heiligen Brendan im westlichen Atlantik, was wiederum zur Spekulation Anlass gab, Columbus sei durch das Buch bestärkt worden, den Westweg nach Indien zu wagen. In den Jahren 1976/77 wollte der englische Forscher Timothy Severin in einer spektakulären Aktion den historischen Gehalt der Seereise des Brendon nachweisen, indem er in einem ähnlichen Boot sich dem Golfstrom überließ und wie Brendon bis an die Küste Neufundlands getrieben wurde.

Diese Deutungen übersehen, dass diese Seereise nicht wörtlich genommen werden will: Zwar kann es durchaus sein, dass die Erzählungen von einem historischen Ereignis ausgehen. Aber der Geschichte angemessener ist es, wenn man sie als eine Allegorie einer Seelenreise liest. Der Aufbruch und die Suche nach der Insel der Seligen stehen dann für die spirituelle Suche nach dem Göttlichen, nach Erlösung und Heil vergleichbar etwa mit den Schamanenreisen der Druiden oder mit der Gottsuche der irischen Mönche.

„Dünne Orte“ und „Dünne Zeiten“

Neben den Seereisen (Immrama) gibt es andere keltische und christliche Erzählungen, die die Anderswelt nicht in der Ferne, sondern in der Nähe der eigenen Welt – in einer Art Parallelwelt – verorten, die sich menschlichen Blicken entzieht. Zu bestimmten Zeiten aber und an bestimmten Orten, so die Überzeugung, wird der Alltag durchlässig und gewährt eine Begegnung mit der Anderswelt. Das geschieht vor allem an Orten und Zeiten, die sich zwischen zwei Ordnungen befinden. Der bekannteste Tag ist das keltische Neujahrsfest Samhain, das am 1. November gefeiert wurde. Die Nacht davor war nach keltischer Überzeugung eine Nacht des Übergangs, eine Schwelle, in der die normalen Zeitrechnungen und Ordnungen nicht mehr griffen und sich ein Fenster öffnete zur jenseitigen Welt. Es war eine „dünne Zeit“. So gibt es keltische Erzählungen über die Helden Cúchulain, Fionn oder Artus, die zu diesem Zeitpunkt die Anderswelt besuchten. Aber auch vom christlichen Mönch Columcille wird erzählt, dass er diese fremde Welt betrat.

Die irische Liturgie griff das Motiv der Begegnung mit den Anderen am Samhainfest auf und wandelte es in das kirchliche Fest Allerheiligen um. Durch die iroschottischen Wandermönche, die den Kontinent missionierten, setzte sich dieses christliche Fest in der westlichen Kirche schließlich allgemein durch. Diese hier nur kurz angedeutete Entwicklung ist ein Beispiel dafür, wie die irische Kirche die keltische Vorstellungswelt in ihren eigenen Riten und Festen integrierte, anstatt sie zu bekämpfen. Neben den heiligen Zeiten kannten die Kelten auch „dünne Orte“, die wie Übergangstore einen Kontakt zwischen den Welten ermöglichten. Die meisten Seen, Quellen, Flüsse, Steine, Höhlen und Inseln Irlands sind verbunden mit mythologischen Geschichten. An einigen dieser Kraftorte wurden Klöster gegründet, die an die vorchristlichen Vorstellungen anknüpften. Ein Ort wie der Croagh St. Patrick z.B., ein keltischer heiliger Berg, wurden mit Patrick in Verbindung gebracht und so getauft. Der erwähnte heilige Seefahrer Brendon, ein anderes Beispiel, wird auf einem Berg auf der Dingle-Halbinsel verehrt, der zuvor die Kultstätte des keltischen Sonnengottes Lug war; Brendons Festag am 1. August stimmt dabei überein mit dem keltischen Fest Lughnasa, das schon in vorchristlicher Zeit am selben Ort zu Ehren des Sonnengottes begangen wurde. Unverkennbar ist, wie Motive des keltischen Gottes auf den heiligen Mönch übertragen werden. Aber auch Brunnenheiligtümer, Menhire oder Ringkreise werden bis heute am Namenstag des dort verehrten Heiligen (Patternday) aufgesucht, um bestimmte Rituale zu vollziehen. An einem Ort wie z.B. der Brigids-Quelle in Liscannor, einem vorchristlichen Kultort der Großen Mutter findet sich ein seltsames Neben- bzw. Miteinander, ja fast eine Art Synkretismus keltischer und christlicher Motiven. Hier zeigt sich, wie die alte Religion aufgehoben wurde und zwar in einer dreifachen Weise, in dem sie in der christlichen Religion zugleich bewahrt, erhöht und abgelöst wurde. Paradigmatisch ist dieser Prozess in einer Geschichte aus den Annalen von Ulster greifbar. Sie erzählt von Comgall, dem Gründer des Klosters Bangor. In der Legende begegnet Comgall eine Meerjungfrau, ein durch und durch heidnisches Wesen. Comgall taufte dieses Wesen auf seine Bitte hin und gab ihm den Namen Muirgen („die aus dem Meer Geborene“). Später wurde die Meerjungfrau als Heilige verehrt. Die Taufe eines keltischen Andersweltwesens zeigt in symbolischer Form die Wertschätzung, die den vorchristlichen Vorstellungen entgegengebracht wurde, und den Willen, die vorhandene Kultur nicht auszurotten, sondern in eine christliche Form zu transformieren.

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Über Dr. Erhard Griese

Jahrgang 1936, verheiratet, drei erwachsene Töchter, vier Enkelkinder. Dr. theol. und Pfarrer i. R. der Evangelischen Kirche im Rheinland. Ich möchte hier Beiträge zu den Themen "Theologie" und "Pilgerreisen" anbringen.
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