Von der keltischen zur christlichen Schöpfungsspiritualität

zitiert aus Hans-Joachim Tambour: Der Keltische Weg

Verborgene Gegenwart Gottes

Das sich in den Geschichten verdichtete Lebensgefühl der Mehrdeutigkeit und Wandlungsfähigkeit der Realität, die sich einem kontrollierenden Zugriff entzieht, scheint mir kennzeichnend für die keltische Spiritualität. Der pragmatische Alltagsrealismus hält nach dieser Überzeugung die Menschen in einer Scheinwelt gefangen. Realität ist mehrdimensional; die alltäglichen Erfahrungen sind von einer größeren Wirklichkeit umfasst, deren Fülle sich dem menschlichen Bewusstsein hin und wieder eröffnet.

Christlich gewendet könnte man von einer mystischen Offenbarung sprechen. Der irische Theologe und Philosoph O’Donohue weist darauf hin, dass der lateinische Begriff für Offenbarung Re-Velatio nicht nur Enthüllung, sondern auch Wieder-Verhüllung bedeute: ein Schleier, der über den Dingen liegt, öffnet sich zeitweise, verbirgt sie dann aber auch wieder. O’Donohue betont, dass die Offenbarung nicht etwa wie ein Neonlicht den ganzen Raum der Wirklichkeit ausleuchtet und sie rational aufklärt, sondern dass diese eher wie das Licht von Kerzen das Geheimnis Gottes erschließt, ohne dabei Schatten und Dunkelheiten vollkommen wegzunehmen. In eine ähnliche Richtung deutet die apophatische Theologie der Ostkirche, die davon ausgeht, dass man zwar Gott in seinen Wirkungen (Energien) erfahren könne, sein Wesen jedoch unerkennbar bleibe.
Diese Überlegungen korrespondieren mit den Erfahrungen irischer Spiritualität. „Die vorgebliche Realität wird hinterfragt, nicht mit der irrealen Idylle, sondern mit jener surrealen Lebensmöglichkeit, die die keltischen Traditionen ‚Anderswelt’ nennen.“

Verbundenheit mit den Geschöpfen

Das Bewusstsein der Andersartigkeit der göttlichen Welt führte bei den irischen Mönchen nicht in eine Flucht aus der Welt, sondern zu einer Hinwendung zur Schöpfung und den alltäglichen Dingen. Die Hagiographien überliefern viele Beispiele der Verbundenheit mit allen Lebewesen. Zahlreich sind die Geschichten, in denen Mensch und Tier in Vertrautheit miteinander kommunizieren. So erzählt die Vita des Kevin von Glendalough von einer Amsel, die in Kevins zum Gebet geöffneter Hand ein Nest baute und Eier legte. Kevin wiederum harrte solange in Geduld aus, bis die Amsel die Eier ausgebrütet hatte und die Jungen davonflogen. Eine andere Geschichte erzählt von Ciaran von Clomacnoise, der Mensch und Tier mit großer Ehrfurcht behandelt haben soll. Als er zum Studium ins Kloster Clonard aufbrach, segnete er eine schwarzbraune Kuh (Dun Cow) aus der väterlichen Herde, die ihm dann gegen den Willen der Eltern folgte, ihm durch ihre Milch das Studium finanzierte und später das halbe Kloster Clonmacnoise mit Milch versorgte. Als die Kuh gestorben war, so die Legende, wurde ihr Fell als wertvolle Reliquie aufbewahrt und dann als Pergament für das berühmte „Buch der dunkelfarbigen Kuh“ (Lebor na h ́Uidre), einer Sagensammlung um den Helden Cuchulain (Ulster-Zyklus), verwendet. Cainnech hingegen, auf dessen Klostergründung die Stadt Kilkenny (Cill-Cainnech) zurückgeht, bevorzugte den Umgang mit sanften und scheuen Tieren wie Rehen, Singvögeln oder Mäusen.

Auch Bäume, die den Kelten heilig waren, spielten für die christlichen Mönche eine Rolle. Das gilt vor allem für die Eiche. Von ihr leitet sich das Wort „Druide“ ab, das so viel bedeutet wie „Eichen-Kundiger“.20 Ein Blick in die Etymologie der Ortsnamen belegt, dass an solchen heiligen Eichen christliche Klöster errichtet wurden. Das berühmte Doppelkloster der Heiligen Brigid in Kildare z.B. bekam seinen Namen von der Kirche (Cill), die unter der Eiche (Dara) stand. Columcille gründete gleich zwei Klöster an Plätzen, an denen er heilige Eichenhaine vorfand. So leitet sich der Name der nordirischen Stadt Derry (später Londonderry) ab von der Bezeichnung des Eichenhains der Kirche des Columban (Doire Cholm Cell); die Stadt Durrow, die ebenfalls auf ein columbanisches Kloster zurückgeht, bekam ihren Namen von der keltischen Flurbezeichnung der Ebene der Eichen (Daire – Magh).

Kosmische Spiritualität

Irland war zur Zeit der Blüte des Mönchtums eine agrarische Gesellschaft. Erst später entstanden aus den Klöster, die sich immer mehr zu religiösen, kulturellen und wirtschaftlichen Zentren entwickelten, Städte. In der bäuerlichen Lebenswelt war der Mensch unmittelbar in die Abläufe der Natur eingebunden. Das Wissen um die Rhythmen des Himmels, die Vegetationsphasen der Erde, die Jahreszeiten und den Zyklus des Werdens und Vergehens des Lebens war nötig, um die Zeiten des Säens und Erntens zu bestimmen. Deshalb spielte die Beobachtung der Sterne und der Sonne und zugleich die Sorge um die Erde eine so große Rolle. Darin unterschied sich die Situation der frühmittelalterlichen irischen Gesellschaft nicht wesentlich von der keltischen und der ihr vorausgegangenen megalithischen Kultur. Die Menschen der Megalithkultur haben die gewaltigen Steinsetzungen, die ganz Irland übersäen, errichtet. An besonderen Orten, die mit Himmelsbeobachtungen verknüpft waren, dienten die Menhire, Steinkreise, Hügelgräber und Dolmen als Fixpunkte, an denen die Ordnungen des Himmels greifbar wurden. Da dort eine Verbindung mit den himmlischen Kräften entstand, waren dies heilige Orte. Dort wurde der Himmel, personifiziert in himmlischen Göttergestalten, aber auch die Erde, personifiziert in Muttergottheiten24 verehrt. Die Kelten griffen die Erd- und Sonnenfrömmigkeit der Megalithkultur auf und nutzten die schon vorgefundenen Kultstätten wie die Ganggräber am River Boyne für ihre Kulte.25 Doch auch in den Heiligenviten findet sich diese Frömmigkeit, in der die Menschen sich als Teil eines größeren Kosmos empfanden.26 Columban spricht von Christus als dem „Herrn der Elemente“27; In der Gestalt der Heiligen Brigid von Kildare werden viele Motive aufgenommen, die ursprünglich mit der Muttergöttin Brigid verbunden waren. Bezeichnend ist, dass der Festtag der Heiligen Brigid am 1. Februar mit dem keltischen Frühlingsfest Imbolc zusammenfällt. Brigids eigentliches Element ist das Feuer, das in engem Zusammenhang mit der Sonne stand. Das Brigid-Kreuz, das die Heilige für ihren sterbenden Vater aus Stroh geflochten haben soll, um ihn zum Christentum zu bekehren, geht religionsgeschichtlich aus einem vorchristlichen Sonnenrad (Swastika) hervor. Die Vita der Brigid erzählt, dass das christliche Kloster in Kildare einen keltischen Kult vorfand und fortführte, ein Feuer ohne Unterlass brennen zu lassen. Es ist sogar möglich, dass die Heilige die zum Christentum bekehrte Vorsteherin der keltischen Priesterinnen war, die zu Ehren der Göttin Brigid das Feuer hüteten.

Nach der Deutung Jakob Streits findet sich ein Reflex dieser Sonnenfrömmigkeit in den irischen Hochkreuzen des 9. und 10. Jahrhunderts. Streit bezeichnet sie als „Sonnenkreuze“, da der um den Schnittpunkt des senkrechten und waagerechten Balkens gelegte Ring die Sonne symbolisiere.29 Aber auch schon die ersten irischen Kreuze, die einen solchen Sonnenkranz noch nicht aufweisen, stehen in Verbindung mit den megalithischen Steinsetzungen. In der ersten Entwicklungsstufe der Hochkreuze finden sich Umwidmungen vorhandener Steine, in die christliche Symbole eingraviert wurden.30 Der Klosterplan, der im Book of Mulling überliefert ist, zeigt, dass je ein Hochkreuz im Norden, Süden, Westen und Osten des Klosters platziert wurde, um den Klosterbereich als einen heiligen Bezirk zu umgrenzen. Die Steinkreuze dienten wie die Menhire als Markierungen. Die irischen Christen nahmen die sich in dem Sonnenkult ausdrückenden Erwartungen und Hoffnungen auf und glaubten, dass sich diese in Christus erfüllt haben. In seinen Bekenntnissen stellt Patrick den Sonnenkult in direkte Beziehung zu Christus, wenn er ihn als die wahre Sonne bezeichnet, die niemals untergeht.

Die Überzeugung, dass Gott in seiner Schöpfung erfahrbar sei, ist kennzeichnend für die irische Spiritualität. Auch irische Theologen der Karolingerzeit oder des Mittelalters wie Johannes Scotus Eriugena und Alanus ab Insulis sind ganz geprägt von der Schöpfungstheologie. Johannes Scotus, der aus Irland (Eriu) kommende (Eriugena), Leiter der karolingischen Hofschule, entwickelt in seinem Hauptwerk „De divisione naturae“ eine christliche Kosmologie, in der Gott und die Schöpfung in einer engen Verbindung stehen. Beeinflusst von neuplatonischen Vorstellungen der östlichen Kirchenväter geht er von einem großen Weltprozess aus, in dem die Schöpfung aus Gott ausströmt (exitus), um wieder in Gottes Wirklichkeit zurückzufließen (reditus). Die Schöpfung ist für ihn deshalb eine Form göttlicher Selbstentfaltung und so eine Theophanie Gottes.

Im 12. Jahrhundert fasste Alanus ab Insulis, ein Theologe der Schule von Chartres mit dem Beinamen „von der Insel“, möglicherweise ein gebürtiger Ire, dieses Verständnis, das ihn auf jeden Fall inhaltlich mit der keltischen Kirche verbindet, in dem folgenden berühmten Gedicht zusammen:

Omnis mundi creatura
Quasi liber et pictura
Nobis est in speculum.
Nostrae vitae, nostri mortis
Nostri status, nostrae sortis
Fidele signaculum.

Neben dem Buch der Bibel, in der die Geschichte Gottes mit den Menschen verzeichnet ist, hat Gott sich demnach im Buch der Natur, d.h. in seinen Geschöpfen und den kosmischen Ordnungen offenbart. Timothy Joyce sieht in der irischen Frömmigkeit ein grundlegend sakramentales Verständnis der Wirklichkeit. Gottes Wirklichkeit ist demnach hier und jetzt unmittelbar zugänglich, aber zugleich enthoben und nicht greifbar. Die materiell sichtbare und erfahrbare Wirklichkeit ist wie ein Zeichen zu verstehen, das recht gedeutet die Herrlichkeit Gottes offenbart.

Trinitarische Spiritualität

Für die heute zahlreich verbreiteten und immer wieder variierten irischen Segenswünsche ist typisch, dass sie die Gegenwart Gottes mit dem konkreten Leben zusammenbringen. Für die keltische Spiritualität, die Nährboden dieser Segenswünsche ist, stand die Gegenwart des Göttlichen im Alltag außer Frage: Auch kleine alltägliche Dinge wurden wie ein Sakrament bewertet, was ihre Wichtigkeit und Heiligkeit unterstrich. So ist es nicht verwunderlich, dass über die Jahre Hunderte von Gebeten entstanden, die jede Situation des Lebens und alltägliche Verrichtungen wie kochen, weben, waschen oder aufstehen unter den Schutz des Himmels stellen.

Die Immanenz Gottes zu denken, ohne gleichzeitig die Transzendenz Gottes über der Schöpfung zu vergessen, scheint die „Gretchenfrage“ einer Schöpfungslehre: „Behalten Gott und Welt dabei
wirklich ihre Eigenart als etwas radikal voneinander Verschiedenes und doch untrennbar ineinander Verwobenes?“

An dieser Stelle sei nur kurz angedeutet, wie zeitgenössische Theologen dieses Problem zu lösen versuchen. Jürgen Moltmann will im Gespräch mit der jüdischen Kabbalah die Vorstellung der Einwohnung Gottes (Schechina) fruchtbar machen, die von einer Selbstbeschränkung Gottes ausgeht, der neben sich einen Raum geschaffen hat, in dem die Schöpfung sein kann. Moltmann findet eine Lösung in einer von Johannes Calvin inspirierten pneumatischen Schöpfungstheologie, die neben der Transzendenz des Schöpfergottes, repräsentiert in der Gestalt des Vaters, die Immanenz Gottes in der Schöpfung im Geist herausstellt. Damit verweist er auf die theologische Idee der Creatio continua, der fortwährenden Schöpfung und Anwesenheit Gottes in der Schöpfung durch die Beseelung des Heiligen Geistes.

Für Medard Kehl ist dies eine zu anthropomorphe Gottesvorstellung. Er findet eine Lösung in einem christlichen Pan-en-theismus, der herausstellt, dass Gott in seiner frei-gebenden Liebe der Schöpfung einen Raum nicht neben sich, sondern in sich selbst gewährt, in dem die Schöpfung eigenständig existieren kann, gemäß des Pauluswortes „in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir“ (Apg. 17, 28). Ein christlich verstandener Panentheismus führt nach Kehl zu einem trinitarischen Schöpfungsverständnis. Demnach ist der Raum für die Schöpfung bereits im Wesen Gottes grundgelegt. Denn Gottes Wesen ist in sich schon ein freigebender Raum der Liebe, in dem die Vielheit der drei Personen in einer umfassenderen Einheit zusammengehalten ist. Einer solchen Liebe ist es auch möglich, menschliche Freiheit und die Autonomie der Schöpfung auszuhalten, ohne die Einheit mit der Schöpfung aufzugeben. „Als reine Liebe und nichts als Liebe vermag Gott ohne jede Beschränkung seiner Größe und Macht dem anderen seiner selbst, der endlichen Welt, immer schon den Raum einzuräumen, den sie braucht, um existieren zu können; und zwar ohne dass sie dabei im Göttlichen aufginge, von ihm ‚aufgesogen’ würde oder in eine entfremdende, ihre Eigenständigkeit einengende Heteronomie von Gott geriete.“

Diese zeitgenössischen Skizzen einer trinitarischen Schöpfungslehre weisen in die Richtung der irischen Spiritualität. Denn auffällig sind auch hier viele Gebete, die sich an die Trinität wenden, wie z.B. das berühmte Schutzgebet (Lorica) des Patrick. In diesem Gebet ruft Patrick den dreifaltigen Gott an, ihm in einer Notsituation beizustehen und ihn von allen Seiten zu schützen. Patrick, so erzählte die Legende, erklärte das Geheimnis von Einheit und Verschiedenheit des dreifaltigen Gottes anhand eines Kleeblatts. Die Verkündigung der Trinität bereitete wenig Schwierigkeiten, denn die Kelten waren auf dieses Gottesbild vorbereitet. Die Vorstellung, dass Götter in drei Gestalten erscheinen, war eine vertraute Vorstellung. Man könnte sogar sagen, dass die irische Logik von der Zahl „drei“ bestimmt ist. Das in der abendländischen Logik ausgeschlossene Dritte (tertium non datur), nachdem eine Behauptung entweder wahr oder falsch sein muss, hat im keltischen Denken gewissermaßen ein Asyl gefunden. Die keltische drei- oder mehrwertige Logik gibt das Prinzip der Eindeutigkeit auf, vermag aber Gegensätze zusammenzusehen und Spannungen auszuhalten.

Die christlichen Missionare konnten in ihrer Verkündigung an vorhandene Denkformen und Vorstellungen anknüpfen, waren aber auch herausgefordert, das unterscheidend Christliche davon abzugrenzen. Welche Aufgaben sich ihnen stellten kann hier nur kurz angedeutet werden. Den keltischen Drei-Gottheiten scheint ein modalistisches Gottesverständnis zugrunde zu liegen, das die christliche Kirche in Bezug auf die Trinitätslehre ausdrücklich als eine verkürzende Erklärung verwarf. So waren die Missionare vor die Aufgabe gestellt, die naturreligiösen Gottesvorstellungen in ein christliches Gottesverständnis zu überführen.

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Über Dr. Erhard Griese

Jahrgang 1936, verheiratet, drei erwachsene Töchter, vier Enkelkinder. Dr. theol. und Pfarrer i. R. der Evangelischen Kirche im Rheinland. Ich möchte hier Beiträge zu den Themen "Theologie" und "Pilgerreisen" anbringen.
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