Das große Buch der Schöpfung

J. Philip Newell

Das große Buch der Schöpfung

Keltische Spiritualität praktisch (Vorwort und Einführung)

In der Überlieferung des keltischen Christentums spricht Gott durch zwei „Bücher“:  durch das kleine Buch (little volume) der Bibel und durch das große (big volume) der Schöpfung.

Unter dem Einfluss der Weisheitstradition der Hebräischen Bibel und der Mystik des Johannes-Evangeliums sieht die keltische Spiritualität die Schöpfung nicht nur einfach als Gabe Gottes, sondern vor allem als seine Selbstoffenbarung. Sein Bild hat sich allem Lebendigen tief eingeprägt. Zwar mag die Sünde seine lebendige Gegenwart überdecken, aber sie vermag sie nicht auszutilgen. Seine Stimme ist stets zu hören. Sie spricht durch alles Geschaffene hindurch zu uns.

Jahrhunderte lang hat die Sichtweise, die Welt hätte sich von Gott entfremdet, unser Verständnis von der Schöpfung beschädigt. Aber heute, da viele Christen ihre keltischen Wurzeln wieder entdecken, lernen wir von neuem, die Schöpfung als den Ort zu ehren, an dem Gott anwesend ist.

An den sieben Schöpfungstagen des ersten Kapitels im Buch Genesis gehen wir den Weg, der uns in die Praxis der keltischen Spiritualität hinein führt und uns die Augen öffnen kann für die Gegenwart Gottes überall um uns herum.

Aus J. Philip Newell‘s Vorwort:

Meine frühesten Erinnerungen an „Schöpfung“ haben mit LICHT zu tun. Ins Gedächtnis kommen mir kaleidoskopartig Lichtreflexe auf der Oberfläche des Wassers nordkanadischer Seen, an deren Ufern ich als Kind saß, oder die Klarheit des nächtlichen Himmels über diesen Seen. Oftmals saß ich wie gebannt da und beobachtete die Farben des Sonnenuntergangs oder die Unmittelbarkeit des Sternenhimmels in der Dunkelheit. Ich denke nicht, dass mich solche Erlebnisse von anderen Menschen unterscheiden oder dass die Wildheit der Umgebung nötig sei, um solche Eindrücke zu vertiefen. Denn ich erinnere mich auch an das Licht in der städtischen Welt, die chromglitzernden Metallteile von Autos oder die hüpfenden Lichtreflexe, die durch die Vorhänge meines Kinderzimmers auf den Fußboden fielen. Es ist wichtig, dass solche Erinnerungen nichts Einmaliges sind, denn die Erfahrung von Licht in der Schöpfung ist ein Geschenk an alle Menschen.

Darum erscheint mir die keltische Tradition von Spiritualität als so bedeutsam. Ihr Ausgangspunkt ist nicht eine Erfahrung, die eine Gruppe Menschen von einer anderen trennt, sondern ein Geschenk, das uns allen zuteil geworden ist. Wie mein Lehrer Noel O‘Donoghue zu sagen pflegte „Im Anfang war das Geschenk, und das Geschenk war bei Gott, und das Geschenk war Gott“. In der keltischen Tradition ist die Gabe der Schöpfung in ihrem Wesen Selbstoffenbarung Gottes.

Beim Schreiben dieses Büchleins sind in mir Erinnerungen wach geworden an die Beständigkeit dieses Geschenks und an Menschen, mit denen ich diese Erfahrungen teilen konnte. Dabei denke ich nicht nur an Männer und Frauen, die ich kennen und lieben gelernt habe, sondern an die vielen unbekannten Menschen, mit denen zusammen ich dasselbe morgendliche Licht und dasselbe Spiel von Farben auf dem Erdboden empfangen und erlebt habe.

Das Geschenk der Schöpfung ist der gemeinsame Grund, auf dem wir stehen, auch wenn er so oft ein verachtetes, vernachlässigtes Geschenk ist oder eine Gabe darstellt, die in Schmerz gehüllt erscheint.

Einführung

Der schottische Dichter Kenneth White schreibt in einem Gedicht („Letter from Harris“):

Ich schlage das Buch auf
und die Worte
flattern aus den Seiten empor.

Das Buch, von dem er spricht, ist die Schöpfung. Sie ist, wie ein keltischer Lehrer sagt, „das große Buch von Gottes Selbstoffenbarung“ (the grand volume of God‘s utterance). Sie ist der Ort, an dem der Schöpfer selbst redet, in allem und durch alles, was er geschaffen hat. In unserer westkirchlichen Tradition haben wir ein Empfinden dafür empfangen, was es bedeutet, auf das Wort Gottes in der Bibel zu horchen. Das „Wort“ ist dabei tiefer zu verstehen als die „Wörter“. Es ist „lebendig und kräftig und schärfer als ein zweischneidiges Schwert“ (Hebr 4,12) und fähig, unsere Herzen mit Wahrheit zu durchdringen. Aber was heißt es, auf das Wort Gottes in der Schöpfung zu horchen?
Es ist wichtig zu erkennen, dass die Spiritualität der keltischen Christenheit keineswegs aus dem Nichts hervortrat. Sie hat ihre Wurzeln tief in der mystischen Theologie des Johannes-Evangeliums und noch weiter zurück in der Weisheitslehre des Alten Testaments. Das Buch der Weisheit sagt zum Beispiel „Gott hat den Menschen zum Bild seines eigenen Wesens gemacht“ (2,23) und „Seine Weisheit ist die gestaltende Kraft in allem, was existiert“ (8,6). Wohin sollen wir schauen, um etwas von Gott zu wissen? Er ist nicht ferne von uns und von seiner Schöpfung, sondern tief in allem, was lebt. Da ist die Wahrheit Gottes verborgen wie ein Schatz im Acker.

Ebenso sagt das Johannes-Evangelium „Im Anfang war das Wort,  und alles ist durch das Wort geworden“ (Joh 1,2f). Das besagt, dass alles Leben in seinem Wesen eine Expression Gottes ist. Wir sind ins Leben hineingeboren worden. Gott will, dass wir auf den Herzschlag des Lebens zu lauschen lernen. Zu der Liebe zu dem heiligen Johannes gehört nach der keltischen Tradition, die ihn mit starken Empfindungen den „Lieblingsjünger“ nennt, die Erinnerung  an ihn als den, der beim letzten Abendmahl „am Herzen Jesu“ ruhte (Joh 13,23). Da soll er den Herzschlag Gottes gespürt haben. So wurde Johannes ein Symbol für das aufmerksame Horchen auf das Leben Gottes, in uns und in der ganzen Schöpfung. Im Horchen nach innen vernehmen wir auch Falschheit und Verwirrung, Selbstsucht und Herzenshärte, aber noch tiefer ist die Liebe, die alle Dinge zum Leben erweckt.

Das Christentum erschien bei den Kelten im zweiten Jahrhundert, wenn nicht noch früher. Zu dieser Zeit lebten sie am „äußerste Rand der bewohnbaren Welt“, wie Britannien und lrland damals beschrieben wurden.  Zu einem noch früheren Zeitpunkt, etwa um das 5. Jahrhundert v. C., bildeten die Kelten so etwas wie ein „Großreich“, das sich durch Europa bis nach Kleinasien erstreckte. Die Ausdehnung der römischen Herrschaft verdrängte die Kelten jedoch immer weiter nach Westen, bis in der Mitte des 1. Jahrhunderts n. C. das römische Militär viele der keltischen Königreiche in Britannien besetzt hatte. Während der Zeit der römischen Besatzung erreichte das Christentum die Kelten zum ersten Mal, wahrscheinlich durch die Tätigkeit einzelner Christen in der römischen Armee.

Jedoch zeigten sich die charakteristischen Züge des  keltischen Christentums erst gegen Ende des 4. Jahrhunderts. Der erste bekannte Kirchenlehrer in der keltischen Tradition war ein Mönch namens Pelagius, auf walisisch „Morgan“ oder „Morien“ genannt. Anderthalb Jahrtausende lang war sein Name mit dem des „Pelagianismus“ verbunden. Diese Häresie wurde verurteilt, da sie scheinbar lehrte, die Menschheit sei fähig, sich selbst zu erlösen ohne die Hilfe der göttlichen Gnade. Wie wir jedoch sehen werden, lehrte Pelagius dies keineswegs. Wie die Weisheitstradition des Alten Testaments und die Theologie des Johannes im Neuen Testament betonte er vielmehr, das unser tiefstes Innerstes die Gottebenbildlichkeit ist. Die göttliche Weisheit wird im Mutterleibe in uns geboren, wie Kohelet (Koh 1, 14) schreibt. Sie wohnt, wie Johannes sagt, in uns als das „wahrhaftige Licht“, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen (Joh 1, 9).

Die Sünde hat die Schönheit des Ebenbildes Gottes überdeckt, aber nicht ausgelöscht. Das Evangelium ist uns gegeben, um den verborgenen Reichtum aufzudecken, den Gott tief in die menschliche Natur gepflanzt hat. Pelagius wurde missverstanden, als habe er gesagt, wir brauchten deshalb die göttliche Gnade nicht. Vielmehr werden in der keltischen Tradition beide, die Gnade und die Natur, als Gaben Gottes gefeiert. Das Geschenk der Gnade ist uns gegeben, um die wesenhafte Unversehrtheit der Gabe der Natur wieder herzustellen.

Die lange theologische Kontroverse zwischen Pelagius und Augustinus von Hippo Rhegius führte schließlich zur Exkommunikation des Pelagius. Aber es war keineswegs immer klar, in welche Richtung das Urteil Roms gefällt würde. Die Kirche in der römische Welt war noch unterwegs zum theologischen Verständnis der menschlichen Natur. Sie hatte noch nicht die Doktrin von der „Erbsünde“  definiert, durch die die Menschheit für wesenhaft sündig erklärt wurde. Dass Pelagius am Ende aus dem römischen Reich verbannt und vom Bischof von Rom exkommuniziert wurde, sollte nicht unser Urteil über den Wert dessen vorweg nehmen, was dieser frühe keltische Kirchenlehrer gesagt hat. Lange wurde uns der Eindruck vermittelt, er sei einfach nur der Einzelfall eines Häretikers gewesen. Tatsächlich aber gab er die Spiritualität der jungen britischen Kirche wieder. Ebenso wie Luther, im 16. Jahrhundert von Rom zum „Häretiker“ erklärt, faktisch zur Stimme der geistlichen Bewegungen wurde, die sich im Volk durch ganz Europa hin erhoben, so brachte der „Häretiker“ Pelagius eine Spiritualität zur Sprache, die die Entwicklung der britischen Christenheit im 4. Jahrhundert widerspiegelte.

Etwa um die Zeit der Exkommunikation des Pelagius zog sich die römische Besatzungsarmee auf den Kontinent zurück, um sich dort gegen die Flut barbarischer Invasionen in Mittel- und Südeuropa zu stemmen. Die Römer waren nicht mehr imstande, Britannien zu besetzt zu halten. Das Ergebnis war eine einschneidende und völlige Trennung zwischen der keltischen und der römischen Mission, die nahezu zweihundert Jahre lang anhielt. Dies war eine bedeutsame Phase in der Entwicklung der keltischen Spiritualität, denn jetzt war die britische Christenheit unabhängig und frei von römischer Dominanz.

Das ganze 5. und 6. Jahrhundert hindurch wandte sich die große Zahl der Kelten in Irland und Britannien dem Christentum zu. Während dieser ganzen Zeit fuhr die keltische Mission fort, das Bild Gottes im Herzen des Menschen zu betonen. Sie war davon überzeugt, dass die Schöpfung ihrem Wesen nach „sehr gut“ sei.

Zusammen mit diesen charakteristischen Zügen gab es andere unterscheidende Elemente in der keltischen Tradition, wie die Priesterehe und der Dienst von Frauen in der Leitung der Kirche. Gleichzeitig verfestigte sich in der römischen Tradition ihre Betonung der Lehre des Augustinus von der totalen Verderbtheit des Menschen und dem Glauben, dass die Schöpfung ihrem Wesen nach durch die Sünde zerstört sei. Die Gnade Gottes wurde als etwas Übernatürliches und gegen die Natur Gerichtetes betrachtet, nicht als Kraft, die Menschheit und Schöpfung in ihrer von Gott geschenkten natürlichen Würde wiederherstellt. Ebenso wurde ihre Missionstätigkeit so verstanden, als würde sie das Licht Gottes in eine ihrem Wesen nach finsteren Welt bringen. Die keltische Mission andererseits betonte in Übereinstimmung mit der Mystik des Evangelisten Johannes die Wahrheit, dass Gott „das Licht des Lebens“ ist (Joh 8, 12). Buße ist deshalb die Umkehr zu dem, was tief in uns eingepflanzt ist, zu dem Licht, das nicht von der Finsternis überwältigt wurde.

Mit diesen charakteristischen Zügen der römischen Mission wuchs das Beharren auf dem Zölibat des Klerus und der Ausschluss von Frauen aus leitenden Positionen in der Kirche. Mit alledem festigte sich in der Missionstätigkeit der römischen Kirche die Macht des Papstes. Uniformität wurde vom Zentrum her erzwungen. Die keltische Mission dagegen kannte keine zentrale Organisation, und folglich gab es beträchtliche Variationen in der liturgischen Praxis und den monastischen Regeln. Als in der frühen Mission von St. Patrick versucht wurde, das Modell der Diözese einzuführen, waren die keltischen Königreiche rein ländliche Gebiete. Das Fehlen der städtischen Strukturen machte das Modell der Diözese unbrauchbar. Am Anfang des 6. Jahrhunderts war die keltische Christenheit gänzlich in ihrer Struktur monastisch. Sie bestand aus einem lockeren Bund von monastischen Gemeinden, in dem jedes Kloster mit seinem Mutterkloster verbunden war. So ergab es sich, dass Frauen wie St. Brigid von Kildare an der Spitze von „Familien“ monastischer Gemeinden standen, von denen viele „Doppelklöster“ waren, in denen Männer und Frauen nebeneinander ein monastisches Leben führten.

Als die römische Mission unter der Leitung von Augustinus von Canterbury 597 in Britannien begann, überraschte es nicht, dass ein Konflikt entstand. Die keltische Mission hatte sich unter der Leitung von St. Columba und anderen im 6. Jahrhundert von Irland aus mit enormer Energie und durch blühendes kulturelles Leben ausgebreitet. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts erstreckte sie sich von den heiligen Inseln von Iona und Lindisfarne in die südlicher gelegenen Königreiche der Angeln und Sachsen. Als die römische und die keltische Mission aufeinander prallten, wurde ein beträchtliches Fehlen an Übereinstimmung sichtbar.

Einerseits erschienen die Konflikte oberflächlich, etwa im Blick auf das Osterdatum und die Art der klerikalen Tonsur. Auf einer tiefer gelegenen Ebene jedoch war es ein Streit zwischen zwei radikal-verschiedenen Sichtweisen. Ein Teil des römischen Unbehagens an der keltischen Tonsur bestand darin, dass sie die Tonsur der Druiden gewesen war. Kennzeichnend für die keltische Mission war die Praxis, religiöse Symbole und Bilder aus der vorchristlichen Schöpfungsmystik zu „taufen“. Columba z. B. sprach von Christus als „seinem Druiden“. Ähnlich wurden heilige Orte und Eichenhaine zu monastischen Zentren für die christliche Mission. Christus wurde verkündigt als die Erfüllung von allem Wahren einschließlich der Weisheit jener Traditionen, die dem Christentum im keltischen Britannien vorausgegangen waren.

Der Konflikt zwischen den beiden Missionen führte schließlich zu der Synode von Whitby 664. Die Vertreter der keltischen Mission argumentierten mit der Autorität des Evangelisten Johannes, der, wie sie sagten, von unserem Herrn besonders geliebt wurde. Die römische Mission andererseits berief sich auf die Autorität des Petrus als des am „meisten gesegneten Fürsten der Apostel“, zu dem Jesus gesagt hatte „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen“ (Mt 16,18).

Das Ergebnis der Synode war ein Urteil gegen die keltische Mission.  Aber die Tragödie von Whitby bestand nicht darin, dass der petrinische Weg bestätigt wurde, sondern vielmehr, dass der johanneische Weg in der Spiritualität der britischen Kirche herabgestuft wurde. Keltische Klostergemeinden wurden nun allmählich durch benediktinische Klöster ersetzt, und eine strikte Übereinstimmung mit Rom wurde erzwungen. Auf der heiligen Insel von Lindesfarne in Northumbrien, wo die keltische Gemeinde ihre Gottesdienste unter freiem Himmel um Hochkreuze herum oder in einfachen Holzhütten feierte, wurden  vier Steinmauern für eine römische Kirche errichtet. Dies kennzeichnete das Aufsteigen einer religiösen Tradition, die in zunehmendem Maße das Mysterium Gottes von dem Mysterium der Schöpfung trennte. Immer mehr wurde die „Heiligkeit“ eines Ortes mit einer Kirche oder Kapelle identifiziert als mit der Heiligkeit von Erde, Himmel und Meer.

Der Beschluss von Whitby veränderte nicht sofort das Gesicht der britischen Christenheit. In den folgenden Jahrhunderten gab es verschiedene Formen des Widerstandes gegenüber der römischen Mission, nachgewiesen in Devon, Cornwall und Schottland. Auf Iona löste sich die keltische Klostergemeinde erst mit der Errichtung der Benediktinerabtei im 13. Jahrhundert auf.

Die Zeit des Widerstandes ist gekennzeichnet durch die größten kreativen Leistungen der keltischen Tradition. Die farbenprächtig gestalteten Evangeliare wie The Book of Kells und die Hochkreuze mit Darstellungen aus der Heiligen Schrift auf der einen Seite und Bildern der Schöpfung auf der anderen erreichten den Höhepunkt ihrer künstlerischen Ausdrucksfähigkeit während dieser Jahrhunderte.

Das allgemeine Bild Britanniens und Irlands wurde hingegen schrittweise der römischen Mission  gleich geschaltet. Als die äußere Struktur der keltischen Mission zerbrach, fand ihre Tradition eine Fortsetzung auf dem Gebiet von Kunst und Bildung. Keltische Lehrer, relativ frei von kirchlicher Zensur, wurden nun zu den wichtigsten Verkündern der spirituellen Wahrheiten, die kein formelles Zuhause mehr in der Kirche hatten.

Vielleicht der Größte unter ihnen war ein irischer Theologe des 9. Jahrhunderts, Johannes Scotus Eriugena. Er lehrte dass Gott die „Kraft des Lebens“ in allen Dingen ist und sagte: „Darum kann jede sichtbare und unsichtbare Kreatur eine Theophanie, eine Erscheinung Gottes, genannt werden.“ In allem Lebendigen erweist sich der Eine, der das Wesen des Lebens selbst ist. Die beiden Wege, auf denen sich Gott selbst offenbart, sind die Bibel und die Schöpfung: „Durch die Buchstaben der Schrift und die Lebewesen der Schöpfung“ offenbart sich das ewige Licht. Eriugena wurde, wie viele keltische Theologen vor und nach ihm, des Pantheismus angeklagt. Schließlich wurden seine Schriften von Rom verdammt, allerdings erst lange nach seinem Tod.

Gleichzeitig mit den Schriften des Eriugena und der Tätigkeit zahlloser irischer Lehrer in ganz Westeuropa blieben die Erkenntnisse der keltischen Spiritualität in Britannien und Irland lebendig in der Poesie und in den Gebeten der Menschen. Die vorchristliche keltische Kultur hatte bereits eine Vorliebe für mündliche Überlieferung  und für Beredsamkeit gezeigt. Das gesprochene Wort hatte für sie mehr Macht als physische Stärke. Die Lehre und Weisheit dieser vorschriftlichen Kultur wurde mündlich weitergegeben und in Versform vergegenwärtigt. Die Hochschätzung von Gedächtnis, mündlicher Überlieferung und Beredsamkeit setzte sich in die Zeit des Christentums hinein fort. Nach dem Ableben der keltischen Mission wurden die Reichtümer ihrer Spiritualität in den Lehren einer mündlichen Tradition bewahrt, die im Volk weitergegeben wurde. Es war so etwas wie eine geistliche Widerstandbewegung. Jahrhunderte lang gab eine Generation der nächsten die Gebete weiter, die ihren Ursprung in den frühen Jahrhunderten der keltischen Christenheit hatten. Es waren Gebete des alltäglichen Lebens. Sie wurden gesungen und gesprochen bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang oder mitten in der Arbeit und Routine des Alltags. Sie erklangen bei der Geburt eines Kindes oder am Totenbett eines geliebten Menschen. Gott wurde gefeiert als das Leben, das in allen Leben gegenwärtig ist. Die Schöpfung wurde als Wohnort Gottes gesehen.

Aber von neuem traf die keltische Tradition auf Widerstand. In wachsendem Maße und besonders nach der Reformation des 16. Jahrhunderts in Britannien wurden diese Gebete missbilligt und sogar verboten. Sie wurden als pantheistisch und von heidnischer Herkunft betrachtet. In Schottland hatte die Verbindung von religiöser Verfolgung und den „Highland clearances“ (Säuberungsmaßnahmen im schottischen Hochland) bei denen Tausende von Familien von ihrem angestammten Land vertrieben wurden, um Platz zu machen für groß angelegte Schafzucht, ein Zerbrechen der keltischen Kultur und den Verlust des kollektiven Gedächtnisses zur Folge. Die mögliche Tradition drohte verloren zu gehen. Es wurde versucht, die Gebete in schriftlicher Form zu sammeln und zu veröffentlichen. (Alexander Carmichael‘s Carmina Gardelica, 1900 in Schottland und Douglas Hyde‘s  Religious Songs of Connacht , 1906 in Irland.) Diese stellten sicher, dass schriftliche Fassungen einiger Gebete bewahrt wurden, aber offensichtlich verschwand ihr Gebrauch im Alltag im Laufe des 20. Jahrhunderts.

Dies bedeutete jedoch nicht den Tod der keltischen Tradition. Carmichael und Hyde waren Teil einer Wiedererweckung keltischer Kunst und Literatur, und andere fanden neue Wege, die Spiritualität ihrer Tradition auszudrücken. George MacDonald, der schottische Novellist, verknüpfte die Erkenntnisse der keltischen Tradition mit seinen viel gelesenen Kurzgeschichten und Romanen. In ähnlicher Weise holte sein Lehrer, der schottische Mystiker Alexander Scott, die keltische Schöpfungsspiritualität zurück und versuchte, sie in die britische Theologie des 19. Jahrhunderts zu integrieren. Die Schöpfung ist „transparent für das Licht Gottes“ (Vorlesungen zum Römerbrief, 1838). Er wurde von der Kirche von Schottland wegen Irrlehre verurteilt, und wieder einmal erstreckten sich die Anklagen auf Pantheismus.

Aber eine Veränderung trat ein. Das 20. Jahrhundert hat nicht nur eine wachsende Toleranz gegenüber der keltischen Tradition gebracht, sondern auch eine zunehmend tiefere Würdigung ihres spirituellen Reichtums und seine Umsetzung in die heutige Zeit. Dies geschah nicht nur am Rande der Kirche, sondern innerhalb der Kirche selbst.

George MacLeod beispielsweise, der Gründer der Iona Community, verkörperte in seiner Spiritualität eine Verbindung der keltischen Mystik mit einem großen persönlichen Engagement für die schottische Kirche. „In allem Geschaffenen bist du gegenwärtig“ sagte er in einem seiner Gebete (The Whole Earth Shall Cry Glory, Wild Goose Publications 1985). Dies führte ihn nicht nur zu einer neuen Verbindung von Schöpfungsmystik und Ökologie, sondern auch einer Identifikation Christi mit den Armen und dem Engagement für Gerechtigkeit und Gewaltlosigkeit in den Städten Schottlands.

Das zunehmend wachsende Interesse an allem Keltischen heute hat viele Formen angenommen, von Tanz und Musik, durch Kunst und Kunsthandwerk bis zu Gebet und Poesie. Einiges davon ist näher an der authentisch historischen keltischen Tradition als anderes. Das Meiste jedoch gibt die Sehnsucht wieder, die unzähligen Menschen in der westlichen Welt bewusst wird: die Sehnsucht, unser Leben und unsere Spiritualität wieder in das Mysterium der Schöpfung zu reintegrieren. Kenneth White, einer der bedeutendsten englischsprachigen Dichter des späten 20. Jahrhunderts, drückt diese Sehnsucht in seiner Poesie machtvoll aus. In: North Roads, South Roads beschreibt er seinen Leben als einen Weg

„Mit der Bibel in der einen Hand
einem Brocken Quarz in der anderen“
(Poem to my Coat, in: The Bird Path, 1989)

Das Gedicht spricht von dem Verlangen von Menschen in der westlichen Welt nach einer Ganzheit, die ihre Spiritualität mit der Liebe zur Schöpfung verbindet.

Eine der Lücken in dem wiedererstandenen Interesse an keltischer Spiritualität ist das Fehlen einer scharf definierten Methode der Meditation. Die keltische Tradition wird weithin verstanden als Vermittlung eines allgemeinen Empfindens von Ehrfurcht gegenüber der Schöpfung. Sie ist jedoch nicht bekannt für Angebote spezifischer Methoden der Bewusstseinsbildung. Dieses Büchlein versucht in die Praxis keltischer Spiritualität und Meditation einzuführen. Jedes Kapitel erkundet einen verschiedenen Aspekt von Schöpfung als „Theophanie“ und „Manifestation Gottes“,  indem es einen der Schöpfungstage im Buch Genesis reflektiert. Am Ende eines jeden Kapitels steht eine Übung zur Meditation, in der die zwiefache Liebe der keltischen Tradition zu Bibel und Schöpfung zu praktischer Anwendung kommt. Es ist ein Weg, sozusagen „in Stereo“ auf das Buch der Heiligen Schrift und das Buch der Schöpfung zu horchen.

Zu den wenigen Handschriften, die häufiger in alten keltischen Klöstern erwähnt werden, gehören die „Conferences“ des heiligen Cassian. Cassian war ein Mönch des 5. Jahrhunderts, der sich in das asketische Leben in der ägyptischen Wüste einübte und eine Methode der Meditation entwickelte, die von den frühen Wüstenvätern herrührt. Sie geht zurück und ist gleicherweise beeinflusst von der Gebetsmethode des Mantra in den Kulturen des Ostens, bei der die innerliche Stille durch die ständige Wiederholung von Worten erreicht wird. Die Heilige Schrift sagt: „Seid stille und erkennt dass ich Gott bin“ (Ps 46, 10).

Alle großen Traditionen von Meditation bieten einfache Wege an, stille zu werden um mehr wahrzunehmen. Die von Cassian beschriebene Methode wurde in das Mönchtum der Westkirche übernommen als eine Disziplin des Betens, die als lectio divina bekannt wurde. Sie besteht aus drei Teilen: das Lesen von Worten aus der Heiligen Schrift, der Wiederholung dieser Worte in der Stille des Herzens, und der Darbringung eines Gebetes, das aus dem Herzen kommt.

In der keltischen Tradition kann Cassians Methode ebenso auf das Buch der Schöpfung angewandt werden wie auf das Buch der Heiligen Schrift. Teil dieser meditativen Übung zum Abschluss jeden Kapitels ist ebenso das Lesen von Worten aus der Heiligen Schrift, wie das  Betrachten von Bildern aus der Schöpfung. Durch diese wiederholten Schritte kann der Mensch zur Ruhe kommen und aufmerksam werden in einer tieferen Schicht als der der rationalen Gedanken.

Kenneth White beschreibt die Achtsamkeit für das Wesen des Lebens so:

das Gewand des Verstandes ablegen
und den Leib der Wirklichkeit
umarmen
(The House of Insight, in: The Bird Path)

Es ist meine Hoffnung für dieses Büchlein, dass es unsere Gedanken und Kreativität  bereichert und, was noch bedeutender ist, unsere Liebe zum Mysterium der Schöpfung und zueinander.

Übersetzung: Erhard Griese

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Über Dr. Erhard Griese

Jahrgang 1936, verheiratet, drei erwachsene Töchter, vier Enkelkinder. Dr. theol. und Pfarrer i. R. der Evangelischen Kirche im Rheinland. Ich möchte hier Beiträge zu den Themen "Theologie" und "Pilgerreisen" anbringen.
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